EDITORIAL

„... Zauberwort“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Was dem Auge dar sich stellet,
Sicher glauben wir’s zu schaun.
Was dem Ohr sich zugesellet,
Gibt uns nicht ein gleich Vertraun.
Darum Deine lieben Worte
Haben oft mir wohlgetan,
Doch ein Blick am rechten Orte
Übrig läßt er keinen Wahn.“

Goethe, der Augenmensch, schrieb es, der eine eigene Farbenlehre erarbeitete. Auch allgemein gilt der Augenzeuge mehr als ein Ohrenzeuge. Aber natürlich sind auch das Gehör, der Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn wichtige Bausteine im Mosaik unserer Wahrnehmung und Kommunikation.

Vielleicht aber ist die Frage nach dem vorrangigen Sinnesorgan auch nur eine, die uns Menschen interessiert, weil wir im Gesamtprogramm der Natur solcherart ausgestaltet worden sind. – Letztlich ist alles eine Frage von Schwingungen, Wellenlängen und Frequenzen. Und so wie unsere Welt sichtbar ist, wird sie ebenso ein Klangkörper sein – in einzelnen Teilen wie auch im Zusammenspiel der Teile als Ganzes.

Der Kieler Ozeanograf Bäuerle hatte vor Jahren mathematische Verfahren entwickelt, mit denen er die verschiedensten möglichen Schwingungen von Seen im Computer berechnen kann. Durch die Eigenart eines Körpers und die Art, wie er angestoßen wird, ergeben sich typische und unverwechselbare Schwingungsmuster; d.h. eine ganz bestimmte Verteilung von sog. Schwingungsbäuchen, wo die Schwingungen am stärksten sind, und sog. Schwingungsknoten, wo der Körper unbewegt bleibt.

Große Seen schwingen, vom Wind und von Luftdruckschwankungen bewegt, hin und her. Bäuerles Schwingungsberechnungen von Wasserbewegungen, auf elektronischem Wege über einen Synthesizer in Töne umgesetzt, ergeben einen fremden, geheimnisvollen und faszinierenden Klang, der an Sturmgebraus, Orgelspiel und Glockenklang erinnert.

Für die mehr oder weniger harmonischen Schwingungen der Seen ist einmal ihre Form und ihr Bodenprofil maßgebend, andererseits die Art, wie die Seen angestoßen und bewegt werden. Wasserspiegelabsenkungen, Formveränderungen am „Klangkörper See“ sowie Motorbootbetrieb statt des Windes als bewegende Kräfte muss man unter diesem Aspekt kritisch werten. Auch die Verschmutzung der Gewässer verzerrt des reinen Wassers reinen Klang zum Geräusch. Sicher hat sich in Jahrtausenden in so einem See – an den natürlichen Schwingungen orientiert – eine Gesamt-Ökologie entwickelt.

Diese Ökologie ist Ausdruck auch einer Harmonie ineinander greifender natürlicher Vorgänge, in die letztlich auch wir Menschen eingebettet sind. Nichts anderes als diese Verwandtschaft meint Goethe auch, wenn er in seinem Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“ sagt:

„Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.
Seele des Menschen
wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen
wie gleichst Du dem Wind!“

Man kann nur hoffen, dass dem schon alten Verlangen der Natur- und Heilkundigen, die Natur erst zu verstehen und nicht unverstanden zu verändern, Gehör und Beachtung geschenkt wird. Wir müssen den Ruf der Natur hören und ihren Klang spüren und dürfen unsere ästhetischen Dimensionen nicht an korrigierten Landschaften und begradigten Flussläufen ausrichten.

Was sollen wir tun, wenn die Natur erst ganz „verstimmt“ ist? – Wo doch ein Dichterwort – nein, diesmal nicht Goethes, sondern Eichendorffs –, so wir den Schlüssel (das Gehör oder das Gespür) dafür haben, den Klang der Natur zu hören verheißt:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen,
triffst Du nur das Zauberwort.“

Ganz in diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen winterlichen Februar.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/2007