EDITORIAL

„... Stich mit Folgen“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Nicht alles kann man verschweigen oder sich schönschreiben. So scheint es begründeten Anlass zu geben, das Zeckenproblem mit besonderer Deutlichkeit anzusprechen. Im Vergleich zu 2004 und davor hat sich die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen von Frühsommer-Meningoenzephalitis 2006 verdoppelt. Und dieser milde Winter hat sowohl den Zecken als auch ihren Hauptwirten, den kleinen Nagetieren, verbesserte Überlebenschancen geboten.

Im bayerischen Landkreis Amberg-Sulzbach, Regierungsbezirk Oberpfalz, tauchte im vergangenen Jahr ein ungewöhnlich aggressives Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSMEV) auf. In einer einzigen Wohnsiedlung infizierte es acht Menschen. Alle litten unter schweren Krankheitssymptomen, zwei Menschen starben. Die Behörden sahen sich den Vorfall näher an und untersuchten das Erbgut des Erregers. Verblüfft stellten die Forscher fest, dass die DNA des Virus mutiert war. An drei Stellen wies das Erbgut eine sogenannte Punktmutation auf, was dem Virus Ähnlichkeit verleiht mit seinem aggressiven Verwandten – dem russischen Frühsommer-Enzephalitis-Virus (RFSEV). Molekularbiologische Wissenschaftler befürchten, dass die Mutationen das Verhalten des Erregers womöglich komplett verändert haben – ihn aggressiver und ansteckender gemacht haben. Und Überträger der Viren sind eben Zecken, die in diesem Jahr wegen des milden Winters vielerorts schon einige Wochen früher unterwegs sind. Neben dem heimischen Holzbock (Ixodes ricinus) breiten sich weitere Zeckenarten in Deutschland aus. Schon seit einigen Jahren ist die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) auf dem Vormarsch. Sie hat es geschafft, aus wärmeren Gebieten Süd- und Osteuropas in unsere Breitengrade vorzustoßen.

In nur einer Saison fallen zwei Generationen von Auwaldzecken über Mensch und Tier her – vorausgesetzt, das Wetter lässt es zu.

Überdies ist die Auwaldzecke viel produktiver als der Gemeine Holzbock. Sie legt nicht nur 3000, sondern bis zu 4800 Eier. Wählerisch, was die Wirtstiere anbelangt, ist die Auwaldzecke ebenso wenig wie der Holzbock. 350 Tierarten kommen als Zeckenwirte infrage, von Nagern über Vögel und Reptilien bis zum Menschen.

Ohne eine Impfdiskussion lostreten zu wollen, muss man dennoch auf eine vorbeugende Impfung hinweisen. Die in Deutschland verfügbare FSME-Impfung schützt vor der neuen, genetisch veränderten Virusvariante ebenso zuverlässig wie gegen die herkömmlichen Varianten. Selbst ein Schutz vor dem aggressiven osteuropäischen Verwandten, dem russischen Frühsommer-Enzephalitis-Virus, ist gewährleistet. Bei der russischen Enzephalitis liegt die Todesrate nicht bei nur einem Prozent, wie bei der FSME, sondern bei 30.

Zwar kommt es bei zwei Dritteln der Betroffenen lediglich zu leichten, grippeähnlichen Beschwerden. Bei einem Drittel jedoch erreicht das Virus das Gehirn oder die Hirnhäute. Dabei treten schwere Verläufe mit ausgeprägten, zum Teil bleibenden Schäden auf. Zu befürchten sind Lähmungen, Sprach- und Bewusstseinsstörungen, akut kann ein Koma eintreten.

Bei unseren Nachbarn in Österreich liegt die Impfung gegen FSME bei 90 Prozent. Dort sinken die Infektionsfälle. Bei uns, mit einer Impfrate von zehn bis 15 Prozent, steigen sie. Auch eine Borreliose kann schwere Spätfolgen haben. Da die Verursacher in diesem Fall jedoch Bakterien sind, ist die Infektion eher behandelbar.
Das Problem mit den Patienten anzusprechen dürfte sich empfehlen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/2007