EDITORIAL

„...Weltgeist“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Unsere Naturheilkunde hat viele kulturelle und geisteswissenschaftliche Wurzeln. Da erscheint es nur recht und billig, an ein heroisches Werk der Geistesgeschichte zu erinnern, das vor 200 Jahren entstand: die „Phänomenologie des Geistes“ von Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Sein Weg beginnt im Tübinger Stift, einer 1536 gegründeten theologischen Lehranstalt. Hier nimmt Hegel im Oktober 1788, also im Vorjahr der Französischen Revolution, als 18-Jähriger das Studium der Theologie auf und wohnt als herzöglicher Stipendiat im Stift. Vor der Immatrikulation verspricht er in einem Schreiben an den Herzog, „mit allem Ernst und Fleiß zu studieren und keine andere Profession als die des Theologen zu wählen“. Was aus diesem Versprechen wurde, wissen wir: einer der bedeutendsten Philosophen der Weltgeschichte.

Hegel hat seine Vorgänger studiert und fußt auf ihnen.

Platons Werke z.B. sind fast alle in dialogischer Form überliefert. In ihnen lässt dieser seinen Lehrer Sokrates im Gespräch dialektisch Irrtümer herausstellen und Theorien entwickeln. Im Zentrum steht die „Idee“, die ewig und unveränderlich der sinnlichen Welt übergeordnet ist. Ihr „Prototyp“ ist die Idee des Guten, die es zu erkennen gilt.

Aristoteles stützt sich bei der Erkenntnisfindung auf die empirische Erkenntnis. Die Grundlage allen Seins liegt für ihn in der die Eigenschaften der Dinge bestimmenden Substanz. Aristoteles beschreibt sie als Form, die jeder Erscheinung der Materie zugrunde liegt. Hegel übernimmt von Aristoteles zentrale Einsichten; etwa dass das Ganze immer früher sei als seine Teile.

Rousseau wiederum geht davon aus, dass durch die Vergesellschaftung des Menschen sich dessen natürliches Verhalten ändere. Sein „Gesellschaftsvertrag“ ist ein Versuch, die Freiheit des Naturzustandes und die Bedürfnisse der Gesellschaft zum Wohle aller miteinander zu vereinbaren.

Insbesondere der junge Hegel war ein leidenschaftlicher Leser Rousseaus und übernahm von ihm den Gedanken, dass die Religion in ihrer gesellschaftlichen Funktion zu betrachten ist.

Kant untersuchte die Bedingungen, unter denen wir die Welt erkennen können. Seine These: Erst durch die Kategorien, die Werkzeuge unseres Wahrnehmens und Urteilens, erkennen wir das Objekt. Hegels „Phänomenologie“ knüpft direkt an das kantische Erkenntnismodell an und beansprucht Kants Gedanken radikal zu Ende zu denken. Hegels Pointe sozusagen: Das Objekt ist unser Produkt und letztlich selbst Teil unseres Bewusstseins.

Marx schließlich übernahm von Hegel den Gedanken der Dialektik, der besagt, dass sich die Geschichte als ein Prozess der Überwindung von Widersprüchen beschreiben lässt. Im Gegensatz zu Hegel versteht er diesen Prozess jedoch nicht als die Selbsterkenntnis eines „Weltgeistes“, sondern materialistisch, also als bloß historisch-politische Entwicklung.

Was bedeutet Hegel für uns heute? Hegel hat als Letzter versucht, eine Gesamtweltsicht zu präsentieren, die auf einer vollständig anderen Basis aufbaut als alle anderen vorangegangenen philosophischen Modelle von der Antike bis Kant. Auch heute suchen wir ja immer wieder nach Möglichkeiten, die Dinge ganz anders zu sehen, als sie bisher gesehen wurden, man denke etwa an Peter Sloterdijk.

Aber das letzte, wirklich große Projekt der vollständigen Interpretation der Wirklichkeit, bis hin zur Überprüfung der Grundlagen von Logik und Naturwissenschaft, hat Hegel in Angriff genommen. Insofern hat er sicherlich eine Vorbildfunktion. Die Hegelsche Metaphysik, der Vernunftoptimismus, diese tiefe Überzeugung von der Vernünftigkeit der Wirklichkeit hat mittlerweile etwas Befremdliches. In anderen philosophischen Debatten allerdings, etwa wenn es um die Frage nach der historischen Fundierung von moralischen Normen geht, kann man sich auch heute durchaus noch auf Hegel berufen. Man denke an die viel diskutierte These, dass die Geschichte irgendwann an ihr Ziel gelangt. Diese These ist ursprünglich ein Gedanke Hegels. – Und sofort ist man wieder in der Aktualität unseres Lebens. Die Debatte um unser Klima. Bleiben wir wach und aktiv.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2007