EDITORIAL

Infiziert - informiert

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das waren noch Zeiten, als Informationen durch mündliche Überlieferung an die Nachwelt weitergegeben wurden. Selbst Botschaften auf Tontafeln für spätere Generationen sind schon eine Weile her, wie die gute alte Papyrusrolle. Auch der technische Fortschritt in der Datenspeicherung hat die Probleme anscheinend noch nicht zufriedenstellend lösen können. Da die Menschen immer schneller immer mehr Informationen generieren, wird deren Speicherung zunehmend zu einem Problem. Denn auch bei den Speichermedien kommen ständig neue Techniken zum Einsatz. Der Diskette folgte die Zip, der Zip die CD, die wiederum selbst von der DVD und Festplatten verdrängt wird. So muss ein ständig steigender Datenbestand kontinuierlich auf neue Träger übertragen werden, die freilich auch ständig wechselnde Lesegeräte erfordern. Als haltbarster Datenträger, man soll es kaum glauben, hat sich das gute alte bedruckte Papier behauptet, weil nämlich die Informationen ohne spezielles Lesegerät abgerufen werden können.

Unglaubliches, was wie Science-Fiction anmutet, hört man jetzt aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Japanische Forscher wollen Bakterien zu einem Speichermedium machen, das Daten Millionen von Jahren aufbewahren soll. Das wäre buchstäblich langlebiger als die heutigen Speichermedien wie Computer-Festplatten, Disketten oder Papier.

Ein japanischer Forscher aus Fujisawa ließ wissen, sein Team habe Bakterien bereits erfolgreich mit Einsteins Formel „E=MC2 und 1905“ - dem Jahr, in dem er seine Relativitätstheorie veröffentlichte - programmiert.

Die Wissenschaftler nutzen bei ihrer Vision die Tatsache, dass genetische Codes in vier Buchstaben: T, C, A und G dargestellt werden. Genetische Codes zu schreiben funktioniert in vielen Bereichen wie das von digitalen Daten. Typen-Kombinationen können für bestimmte Buchstaben und Symbole stehen; folglich können Genome benutzt werden, um darin Musik, Text, Video und andere Inhalte zu „schreiben“. Der Vorteil gegenüber mechanischen Speichermedien: Die in den Gen-Codes programmierten Inhalte bleiben solange erhalten, wie der Organismus lebt - bei Bakterien möglicherweise Millionen von Jahren. Auf die Erscheinungsform der Bakterien und ihr Verhalten soll es keine Auswirkung haben, ob in ihnen die gesammelten Werke von Shakespeare oder Einsteins Relativitätstheorie gespeichert sind.

Skeptiker wenden ein, dass die Informationen durch Mutationen verändert werden könnten. Natürlich braucht man noch mehr praktische Anwendungen, meint der Bakterien-Experte. Um Einstein aus den Bakterien zurückzuübersetzen, muss der Code wieder entschlüsselt werden. Der Professor lässt seine Science-Fiction-Vision auch nicht von der banalen Frage erschüttern, wer denn in aller Welt Bakterien liest. Er kontert: „Viele Menschen haben noch nicht einmal darüber nachgedacht, Daten für Tausende von Jahren zu speichern. Aber wir denken hier an Hunderte von Millionen Jahren.“

Und ich, als naturheilkundlich denkender Individualtherapeut, frage mich, von welcher Art Bakterien ich wohl infiziert werden möchte, wenn mich denn eine Infektion erwischt? Einstein? Nein, dann lieber Speicherbakterien mit dem wundervoll poetischen Werk Shakespeares. Es ist sicher schöner, im Fieberwahn „Hamlet“-Monologe zu stammeln, als physikalische Formeln abzusondern - „Sein oder Nichtsein ... “

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2007