EDITORIAL

Die „Droge“ Arzt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das gute alte Wort „Droge“ hat in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Begriffseinengung durchmachen müssen, besonders in seiner Anwendung im Plural. Hört man was von „Drogen“, handelt es sich in aller Regel um Drogenmissbrauch.

Von dieser negativen Begriffseinengung scheint auch die „Droge“ Arzt nicht verschont geblieben zu sein.

Der Schamane bei den Naturvölkern, der Halbgott in Weiß in unseren Breiten – für beide gilt: Der Glaube an ihre Heilkraft ist schon der halbe Weg zur Genesung. Wir Heilpraktiker wissen um den Effekt, den der gute Draht zum Patienten haben kann, bei einem Großteil unserer Therapien spielt die Zuwendung eine unverzichtbare und wie selbstverständlich dazugehörige Rolle. Das war immer so, und das ist auch gut so.

Die jüngste Meldung zur ärztlich-gesundheitlichen Versorgung in Deutschland ist aus dieser Perspektive ein gesundheitspolitisches Desaster:
Nur einer von drei Deutschen hat zu seinem Arzt jenes vorbildliche Vertrauensverhältnis, das man sich nur noch in der „Schwarzwaldklinik“ beispielhaft anschauen konnte. Die unterschwellige Sehnsucht der Bürger nach solch einem Arzt-Patienten-Verhältnis mag mitverantwortlich sein für die relativ hohen Einschaltquoten.

Die Realität allerdings sieht finster aus, glaubt man der Studie „Ratlose Patienten?“, die Bremer Gesundheitsforscher Mitte Juni vorstellten.

Demnach verlässt sich nur ein Drittel der Patienten auf das Urteil seines Arztes. Der Rest informiert sich zusätzlich über Fernsehsendungen oder im Internet. Jeder Zweite stellt sogar schon vor einem Arztbesuch seine eigene Diagnose auf. Vor allem Jüngere und gut Ausgebildete erteilen ihrem Arzt nicht mehr ohne Weiteres einen pauschalen Vertrauensvorschuss, sondern unterscheiden zwischen guten und weniger guten Ärzten. Zur Orientierung würden 70 Prozent der 3591 Befragten einen „Ärzte-TÜV“ begrüßen.

Wie viel in Deutschland schiefläuft zwischen Arzt und Patient, legt auch der europäische Vergleich offen: Die Hälfte aller deutschen Patienten klagen, sie fühlten sich von ihren Ärzten nicht ernst genommen – in Holland und England sagen das nur 30 Prozent. Die Zahl der Verfahren, die Patienten gegen Ärzte anstrengen, hat sich seit zehn Jahren verdoppelt, ein Drittel aller verordneten Medikamente landet im Müll. Und obwohl deutsche Patienten vergleichsweise zügig eine Behandlung bekommen und außerdem weniger zuzahlen müssen als anderswo, sind sie dennoch mit ihrer Behandlung unzufriedener als Patienten in England, Neuseeland oder Kanada. Das besagt eine jüngste Erhebung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Die Schuld für die Missstimmung suchen Ärzte inzwischen immerhin bei sich. Seit 2002 sieht die Studienordnung vor, dass Mediziner besser kommunizieren lernen: im Rollenspiel schlüpfen die Studenten in die Haut des Patienten – hoffentlich nicht nur des Privatpatienten, sondern auch des Kassenpatienten. Das Ziel: Sie sollen lernen, sich als Teil der Therapie zu begreifen.

Na bitte! Sollte man doch irgendwann zu behandlerischen Grundwahrheiten zurückkehren?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/2007