EDITORIAL

standfest ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die schwedische Sopranistin Birgit Nilsson, einst gefeierte „Isolde“ im Bayreuth der 60er- und 70er-Jahre, antwortet auf die Frage nach dem Wichtigsten beim Singen: „Meine Füße“. Standfestigkeit sei ein Muss, um die großen, strapaziösen Wagner-Partien physisch und stimmlich zu bewältigen. Das Fußgewölbe, diese architektonische Meisterleistung der Natur, bei der die einzelnen Fußknochen mit Muskeln und Sehnen so geschickt „verzurrt“ sind, dass ein stabiles Gewölbe entsteht, über dem der Mensch sich aufrichten kann, ist ein wahres Kunstwerk. Die gefeierte Bayreuther Heroine hat das ganz richtig empfunden: aus der Standfestigkeit und der Ausbalanciertheit zieht sie ihre Kraft sowohl für ihre dynamische und angespannte Körperhaltung wie auch für die permanente Zwerchfellstütze für die anspruchsvollen Wagner-Arien. Bei dieser Wichtigkeit des Fußgewölbes für unsere „Geamt-Haltung“ bleibt es nicht aus, dass dessen Zustand und Beschaffenheit eine Bedeutung für alle Lebensbereiche erhält. Ich möchte Ihnen diesbezüglich die „Kulturphilosophische Betrachtung“ von Rebekka Reinhard in diesem Heft ans Herz legen. Die naturheilkundliche Denkweise speist sich auch aus diesen Quellen und Zusammenhängen. Der Zustand unseres Fußgewölbes ist also sicher ein wichtiges Diagnostikum für unsere Gesamtsituation.

Nachlässigkeit bei der Pflege der Füße, ungünstige Gewohnheiten, Torheiten der Schuhmode und nicht zuletzt auch der Sport drangsalieren die Füße mitunter brutal. Dass dennoch der größere Teil der Gesellschaft gut zu Fuß ist, belegt an sich die Anpassungsfähigkeit und die Widerstandskraft der Füße. Aber trotzdem erschrecken die Zahlen einzelner Fußerkrankungen. Zehn Millionen Menschen allein in Deutschland, und zwar Frauen und Männer im Verhältnis neun zu eins, leiden an einer Deformität der großen Zehe (Hallux valgus), 450000 Bänderrisse gibt es im Jahr, 1000 Implantationen künstlicher Sprunggelenke sind notwendig, weil meist arthrotische Knochenveränderungen dies erforderlich machen.

Das ist wiederum kein Wunder, denn der aufrechte Gang verlangt von den 26 kleinen Knochen eines Fußes, von Muskeln, Kapseln, Gelenken und Sehnen eine enorme Funktionalität und perfektes Zusammenspiel. Füße sind eine komplexe und entsprechend anfällige Konstruktion.

Etwa 40 Prozent des Körpergewichts tragen die Fußballen, 33 Prozent die Fersen, 15 Prozent die Außenränder, sieben Prozent die acht kleineren und fünf Prozent die beiden großen Zehen. Muskeln verspannen die Fußgewölbe. Sind sie nicht trainiert, sind Plattfuß, Senkfuß und Spreizfuß meist die Folge.

Das Sprunggelenk als sehr anfälliger Teil des Fußes lässt sich vielfältig behandeln. Bänderrisse, die Schreckerlebnisse für alle, die sportlich unterwegs sind, lassen sich heute einfacher und schneller beheben als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Kein wochenlanger Gips mehr am Fuß, sondern ein Spezialschuh mit Luftkammern, die sich exakt an die Fußform anpassen, wird heute empfohlen. Und üblich ist heute auch nur noch eine kurzfristige Ruhigstellung und eine frühfunktionelle Behandlung, meist mit Krankengymnastik. Sind die Fußgewölbemuskeln nicht mehr ausreichend tragfähig und mehr oder weniger „eingestürzt“, dann gibt es die Schuheinlagen. Das sind aber nicht mehr die unansehnlichen Einlagen aus Großmutters Zeiten, sondern entweder passive Stützeinlagen, die der Orthopädie-Schuhmacher auf der Grundlage eines Computerabdrucks fertigt. Spezialisten stellen heutzutage auch neue sensomotorische Aktiveinlagen her, die aus sieben bis neun mit Granulat gefüllten Segmenten bestehen, die beim Gehen gezielt bestimmte Fußmuskeln anregen und trainieren können.

In diesem Sinne: Auch wenn in letzter Zeit wieder abqualifizierende Kritik durch die Medien rauscht, was – wenn denen der Stoff ausgeht – immer mal wieder wellenartig hochschwappt, wissen wir, was wir mit unserer Naturheilkunde für unsere hilfesuchenden Mitmenschen tun. Wir können uns mit Recht über unserem Fußgewölbe aufrichten. Bleiben wir standfest gegenüber den schlaffen Bösartigkeiten der „Plattfußindianer“. Unsere Patienten werden es uns danken.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/2007