EDITORIAL

Hast du Töne ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Eigentlich ist es nichts spektakulär Neues: selber machen ist besser als zuschauen. Sport treiben ist gesünder als Sport im Fernsehen anzuschauen, noch dazu mit „Knabberzeug“ auf den Knien. Wen wunderte es, wenn selber singen gesünder wäre als sich ein Gesangsstück anzuhören.

Außer dem Auge und der Haut gilt auch die Stimme als ein Spiegelbild unserer Seele. Und es ist für unsere Sympathie-Empfindungen schon ein Unterschied, ob eine Stimme einen Klang hat oder eher in die Sparte Geräusch einzuordnen ist. Reden, schreien, flüstern, krächzen – unendlich viele Töne lassen sich unserer Stimme entlocken. Und manchmal, wenn wir singen, kann die Stimme andere Wesen verzaubern. In kaum einer Erzählung wird die Macht des Singens so eindringlich beschworen wie im Mythos des Sängers Orpheus. Mit seiner Stimme und seiner Lyra konnte er Steine erweichen und Tiere zähmen.

Aber Singen kann noch mehr als verzaubern. „Wer singt, lebt gesünder“, ist Wolfram Seidner überzeugt, emeritierter Professor an der Klinik für Phoniatrie und Audiologie der Charité Berlin. Jahrzehntelang hat der Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten – und selbst gesanglich ausgebildet – berühmte Sänger beraten. Und Wissenschaftler vom Institut für Musikpädagogik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main entdeckten kürzlich: Wer viel singt, tut aktiv etwas für seine Gesundheit. Er schützt sich vor Erkältungen und stärkt sein Immunsystem. Die Forscher untersuchten die Speichelproben der Mitglieder eines Kirchenchores, die das „Requiem“ von Mozart sangen. Nach der Chorprobe war die Anzahl der Immunglobuline A, die in den Schleimhäuten sitzen und Krankheitserreger bekämpfen, stark gestiegen. Wenn die Chormitglieder dagegen Mozarts Musik nur vom Band hörten, blieb die Anzahl der Antikörper unverändert.

Um singen zu können, brauchen wir Lunge, Kehlkopf, Stimmlippen und die Resonanzräume unseres Körpers. Wichtig ist die richtige Atemtechnik. Wenn man nur in den Brustkorb einatmet, bläht man nämlich den Brustkorb auf und schnürt den unteren Teil der Lunge ein. Trainierte Sänger atmen dagegen in den Bauch hinein, dessen Muskulatur das Zwerchfell nach unten zieht. Das Zwerchfell wiederum drückt die Lungenflügel nach unten, sodass die Luft in den Lungen viel Platz hat. Auf diese Weise entspannen Sänger ihren Brustkorb und kräftigen ihre Rückenmuskeln. Wer die Methode beherrscht, verwandelt seinen ganzen Körper in einen Klangraum, mit dem er wie auf einem Instrument spielen kann. Diese Art des Singens fordert den ganzen Körper. Schon zehn bis fünfzehn Minuten Singen reichen aus, um das Herz-Kreislauf-System auf Trab zu bringen. Die Atmung intensiviert sich, der Körper wird besser mit Sauerstoff versorgt. Profisänger besitzen sogar eine deutlich erhöhte „Herzratenvariabilität“, die die Schwingungsbreite der Herzfrequenz anzeigt; und sie sind oft so fit wie Dauerläufer.

In manchen Fällen wirkt Singen auch wie ein „Anti-Depressivum“. Die moderne Forschung hat die gemütsaufhellende Wirkung des Singens in mehreren Untersuchungen nachgewiesen. Schon nach dreißig Minuten Singen produziert unser Gehirn erhöhte Anteile von Beta-Endorphinen, Serotonin und Noradrenalin. Stresshormone wie z.B. Cortisol werden praktischerweise gleich mitabgebaut. Beim regelmäßigen Singen verbinden sich die Synapsen im Gehirn neu – und machen den Sänger „klüger“. Singen scheint sogar einen lebensverlängernden Einfluss zu haben. Schwedische Forscher untersuchten in den Neunzigerjahren über 12000 Menschen aller Altersgruppen und entdeckten, dass Mitglieder von Chören und Gesangsgruppen eine signifikant höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die nicht singen. Dennoch: Trumpf ist heute vielmehr das passive Zuhören vom CD-Player oder dem iPod.

Vielleicht kann ja Aufklärung eine Wende bringen.

Ihr


Naturheilpraxis 01/2008