EDITORIAL

Entweder - oder?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Zeiten, in denen die Heilkunde in erster Linie aus Mitleid und Erbarmen gegenüber dem Mitmenschen, dem Nächsten, gespeist wurde, dürften lange vorbei sein. Dennoch: seit es Menschen gibt, ist das zwischenmenschliche Sichergänzen von Hilfsbedürftigkeit und Hilfsbereitschaft ein unverzichtbarer Bestandteil des Zusammenlebens.

Und trotz gleicher Vorbedingungen hat es immer Menschen gegeben, die bei gesundheitlichen Problemen erfolgreicher Hilfestellung leisten konnten als andere, ein Umstand, den man sich mit deren Heilbegabung erklärte, einer besonderen Gabe zu beobachten, zu erkennen, zu verknüpfen, zu lindern und zu heilen.
Diese „Heilbegabung“ muss auch heute noch als eine willkommene Eigenschaft eines Heilberufs angesehen werden.
Da sie Ausdruck des richtigen Umgangs mit den Bedürfnissen eines Kranken ist, schließt sie den Respekt vor natürlichen Heilverläufen ein und wendet sich auch an die von Natur aus gegebenen Selbstheilungskräfte.
Mit diesen Voraussetzungen – sollte man meinen – muss sich auch der moderne Heilberuf identifizieren.

Das Bild dieser Art Heilkunde trägt unverwechselbar weibliche Züge, die auch die anfängliche Entwicklung der Heilkunde prägten:
die Mutter, die ihr Kind tröstete, seinen „Weltschmerz“ und den der gesundheitlichen Unbilden linderte; die Frau als „Heilerin“ der Familie; die weise Großmutter, die aus ihrer Erfahrung schöpfte und zu der man jederzeit mit seinen gesundheitlichen Problemen kam.

Es war eine Heilkunde, die auf den kranken Menschen schaute und ihn in seinem Gesamtschmerz zu erfassen und auf den Weg der Linderung zu führen suchte. Wie gesagt, es war eine zutiefst weibliche Heilkunde – eben eine „Natur“-Heilkunde.

Das männliche Prinzip der vom Kranken losgelösten forscherischen Neugier nach der Krankheit als etwas ganz Eigenem, was mit dem jeweiligen kranken Menschen nichts zu tun hat, hat die Ganzheitsheilkunde jäh durchbrochen.

Qualitative Normkonventionen des Erkennens und Bewertens mussten quantitativen Normkonventionen des Messens und Wiegens weichen.
Und in der Folge davon muss man schon etwas stärkere Drogen einsetzen, wenn man Wirksamkeit immer gleich im Labor „messen und wiegen“ will.

Es soll hier keineswegs einer sozialromantischen Rückwärtsgerichtetheit das Wort geredet werden, die Verdienste der wissenschaftlich-medizinischen Forschung sind phänomenal und sprechen für sich, aber es sollte einmal gesagt werden, dass es eine mehr weibliche und eine mehr männliche Medizin gibt, und auch der Gedanke sollte einmal in den Raum gestellt werden, dass beide voneinander lernen und bei einem Miteinander sehr segensreich für das wichtigste Ziel der Heilkunde sein könnten: den Patienten – pardon, für die Patientin und den Patienten.

Was die Naturheilkunde durch ihren personotropen Ansatz schon immer wusste, die „männliche“ Medizin scheint es inzwischen ansatzweise zu entdecken, dass nämlich eine Frau kein Mann ist.

Lesen Sie in diesem Sinne den – wie ich finde – interessanten ersten Beitrag unseres Schwerpunktthemas.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/2008