EDITORIAL

Biodiversitšt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Aussterberaten von Pflanzen und Tieren, so schätzt man, sind heute um 50% bis 350% gegenüber den natürlich errechneten Aussterberaten erhöht. Neben ökologischen Problemen sind schließlich auch die Folgen für die Menschheit kaum abzusehen.

Um ein wenig mehr Klarheit zu schaffen, fand Ende Mai in Bonn die 9. UN-Vertragsstaatenkonferenz zur biologischen Vielfalt und die Konferenz zur Sicherheit gentechnisch veränderten Saatguts statt.

Doch ob es wirklich Fortschritte bringt, dass Umweltschützer die Abgesandten der 189 Unterzeichnerstaaten dieser UN-Biodiversitätskonferenz an ihre Pflichten zum Schutze des Lebens erinnerten, bleibt mit einem großen Fragezeichen versehen.

In der Woche vor der Konferenz trafen sich bereits 5000 Wissenschaftler, um einen Empfehlungskatalog für die Politiker vorzubereiten. Der Aufbau neuer Schutzgebiete und das Vorgehen bei Biopiraterie sollten verbindlich geregelt werden. – Eigentlich ein ganz wichtiges Ziel, das man in seiner Vielfältigkeit und Vernetztheit erst langsam erkennt.

Der Begriff „Biodiversität“ umfasst nämlich wesentlich mehr als nur die Menge der in einem Lebensraum vorkommenden Tier- und Pflanzenarten.
Unter diesem Begriff versteht man sowohl die genetischen Variationen innerhalb einer Art als auch die Vielfalt nur entfernt miteinander verwandter Arten in einem Lebensraum.
Hinzu kommen die Vielfalt an Lebensräumen und Ökosystemen sowie die Vielfalt der ökologischen Prozesse und Funktionen der Lebewesen – wie etwa Stoffabbaukapazitäten.
Biodiversität versucht also nicht mehr und nicht weniger als die Vielfalt und die Zusammenhänge des Lebens zu erfassen – was sie mit der Naturheilkunde gemeinsam hat, die ja auch zunächst vom Respekt vor dem Leben ausgeht, ehe sie – nein, nicht verändernd und manipulierend, sondern nach Verstehen der Zusammenhänge – unterstützend zur Selbstheilung Hilfe leistet.

Um die Gesamtproblematik einmal an einem ganz konkreten Beispiel festzumachen, nehmen wir ein ernährungswichtiges Problem: das Saatgut.
Schätzungsweise 7000 neue landwirtschaftliche Sorten hat die industrielle Züchtung in den letzten 50 Jahren hervorgebracht – dem stehen geschätzt zwei Millionen Sorten gegenüber, die Kleinbauern jährlich neu züchten. Die Sorten der Kleinbauern sind regional und lokal angepasst, während die industriellen Hochertragssorten („High Yield Varieties“) unter Bauern in aller Welt vor allem als „High Input Varieties“ bekannt und berüchtigt sind: ohne massiven Einsatz von Bewässerung, Düngung und Pestiziden gedeihen sie nicht – mit allen negativen Folgen für Umwelt und die Bauern.

Saatgutkonzerne versuchen derzeit, den Rechtsschutz für Pflanzensorten immer weiter auszudehnen und dem Patentrecht ähnlicher werden zu lassen: uralte bäuerliche Rechte wie das auf Wiederaussaat aus der eigenen Ernte und freie Weiterzucht mit vorgefundenen Sorten werden zu Ausnahmen erklärt, mit der Tendenz, sie ganz zu verbieten. So werden Bauern in aller Welt immer stärker von der Saatgutindustrie abhängig gemacht.

Es geht also darum, diese Zusammenhänge einmal zu durchleuchten und in erträgliche Bahnen zu lenken, getreu der naturheilkundlichen Devise: erst zu erkennen und zu durchschauen versuchen und danach handeln und nicht umgekehrt, alles Machbare machen und dann vor einem Scherbenhaufen stehen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2008