EDITORIAL

„Gen-Food“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es ist alles eine Frage der Gene, wird ja immer propagiert, und manch einer nimmt das als ein willkommenes Missverständnis, dass er ja nichts dafür kann, wenn Speise und Trank ihn immer gewichtiger werden lassen und den „guten“ Nachbarn nicht. Aber so ganz unabhängig und unbeeinflussbar – das wusste die Naturheilkunde schon immer – laufen diese Dinge nicht ab. Es kommt auch darauf an, was einer isst. Unsere Gene sitzen nämlich im wahrsten Sinne des Wortes mit am Tisch.

Die fortschreitende Genforschung weiß nun schon seit geraumer Zeit, dass es sogenannte schnelle und langsame Acetylierer gibt. Allerdings wäre es zu kurz gesprungen, wenn diese Zweiteilung der Weisheit unserer Natur letzter Schluss sein sollte. Die Naturheilkunde, die schon seit je mit dem personotropen – zumindest aber konstitutionell angenäherten – Prinzip äußerst erfolgreich therapiert, weiß, dass das alles viel differenzierter zugeht und dass darin auch die Schwierigkeiten der erfolgreichen Therapiefindung liegen.

Da ist es doch hochinteressant, wenn die Genforschung, je weiter sie fortschreitet, Zusammenhänge erhellt, die auf eine ganz andere und neue Art den Gedanken nahelegen, dass das mit den Konstitutionen gar nicht so dumm war, dass man Krankheit – außer im lebensbedrohlichen Notfall – gar nicht so isoliert sehen sollte, sondern stets als das Ergebnis einer Begegnung einer krankmachenden Ursache mit einer Person in ihrer „Eigenheit“.

Der Kaffee ist ein verblüffendes Beispiel für das Wechselspiel zwischen Essen und Erbgut: er beeinflusst die Gene, zum anderen bestimmen auch die Gene, wie er im Körper wirkt. Amerikanische Forscher haben entdeckt, dass Koffein je nach persönlichem Genprofil unterschiedlich rasch abgebaut wird. Schnelle Acetylierer verdauen den Wachmacher so schnell, dass er sie nur kurzfristig munter macht.

Die Fähigkeit, Koffein schnell zu beseitigen, ist aber von großer Bedeutung für die Gesundheit. Das Koffein stimuliert das Herz, und das bedeutet Stress für das Organ. Ein hoher Kaffeekonsum kann deshalb mit ein Auslöser für einen Infarkt sein. Schnelle Acetylierer erleiden weniger häufig einen zweiten Herzinfarkt, auch wenn sie viel Kaffee trinken. Der Vorteil hat jedoch auch eine Kehrseite: Die schnellen Acetylierer haben generell ein erhöhtes Risiko für Tumoren. Durch die Acetylierung entstehen Zellgifte, die bösartige Wucherungen in Gang bringen können.

Der Kaffee ist freilich nicht das einzige Lebensmittel, das auf die Gene einwirkt und dessen Stoffwechsel von den Genen bestimmt wird. Es sind alle Stoffe in der Nahrung. Mit Blick auf die Evolution erscheint die Breitenwirkung der Nahrung heute nur logisch. Der Mensch muss sich an seine Umwelt anpassen, und zwar sehr rasch. Wenn wir immer warten würden, bis ein Gen mutiert, damit es uns besser geht, wären wir längst ausgestorben. Deshalb ist es gut, dass die Aktivitäten der Gene sich ändern, sobald sich die Nahrung ändert.

Was der Mensch isst, bestimmt, in welcher Weise sein Erbgut gelesen wird. Hunderttausende von Bauplänen für Proteine liegen im Genom bereit. Manche werden nie aus den „Archiven“ geholt, die entsprechenden Proteine werden folglich nie erzeugt. Ein archiviertes intaktes Gen kann damit für den Körper wie nicht vorhanden sein. Andere Baupläne werden wieder jeden Tag umgesetzt, und in den Zellen werden die entsprechenden Eiweiße hergestellt. Was im „ungenutzten“ Archiv schlummert und was auf der Liste der täglichen Erledigungen landet, entscheidet auch die Ernährung. Dabei heften sich Stoffe direkt an die Gene, oder aber sie wirken auf sog. Transkriptionsfaktoren ein, die die Gene fortwährend ins Archiv legen oder auf die Agenda für die Zellproduktion setzen.

Schön, wenn alte Weisheiten ganz neu beleuchtet werden.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/2008