EDITORIAL

Lipidsenker für alle?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wir hatten ja das letzte Mal schon den Einfluss der Gene auf die Verstoffwechselung der Nahrung und wiederum – was zunächst erstaunt hat – den Einfluss der Nahrung auf die Gene betrachtet. Da hatte man Bohnenkaffee auf Schleimhautzellen in einer Schale geträufelt. Das Erstaunliche: Auch ohne Mund und Magenwand „trinken“ die Zellen, zumindest reagieren sie auf die Inhaltsstoffe aus den Bohnen. Mehrere Gene, darunter das Gen für den Histaminrezeptor sowie jenes für den Acetylcholinrezeptor, werden aktiviert. Dadurch wird tatsächlich Magensäure frei, obwohl es in der Glasschale wahrlich nichts zu verdauen gibt.

Und da ist neben dem Kaffee ein weiteres Beispiel, das die Forschung beschäftigt:
Es wird allgemein empfohlen, sich cholesterinarm zu ernähren. Manch einer, der auf den Arzt hört und sich die Butter vom Brot nehmen lässt und die Eier vom Speiseplan streicht, muss allerdings frustriert erkennen, dass die Qualen der Entsagung nicht mit einem besseren Cholesterinwert belohnt werden.
Andere ignorieren heimlich den Rat des Doktors, essen weiterhin Eiersalat, Fleisch und Fett und sind irgendwie erleichtert, dass der Arzt ihren Ungehorsam nicht am Cholesterinwert bemerken kann.

Die individuellen Unterschiede haben ihren Grund – man ahnt es förmlich – in den Genen: Das Cholesterin im Essen drosselt den Transkriptionsfaktor SREBP-2 (sterobregulatory element binding protein-2). Dadurch wird die körpereigene Erzeugung von Cholesterin gehemmt. Diese Rückkopplung ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Während die einen überhaupt nicht auf das Cholesterin aus Ei und Steak reagieren, weil die körpereigene Produktion an Cholesterin drastisch zurückgefahren wird, zählen die übrigen zu den sogenannten Hyperrespondern. Ihnen steckt jedes Butterbrot förmlich gleich im Blut. Welcher der beiden Gruppen man angehört, kann man in einem Selbstversuch testen, ohne sein Genom offenlegen zu müssen. Die Forschung beschreibt, wie es geht, wobei die Vorgehensweise jedem Normaldenkenden logisch erscheint: Man muss sich eine Zeit lang cholesterinfrei ernähren. Dann lässt man den Cholesterinwert bestimmen. Anschließend „haut man mal richtig rein“ und isst zwei Wochen lang jeden Tag fünf Eier, und wenn dann der Cholesterinwert nicht mit einem Anstieg reagiert, dann weiß man, dass das Cholesterin aus der Nahrung einem überhaupt nichts ausmacht. – Das meint die Forschung, aber ob bei einer solchen Ernährungsform und einem im Normbereich verweilenden Cholesterinspiegel nicht irgendwelche anderen Spätschäden entstehen, darüber schweigt die Wissenschaft einstweilen. Die Naturheilkunde macht sich da so ihre eigenen Gedanken, und ihre Ratschläge, das hat die lange Erfahrung gezeigt, haben sich noch allemal günstig auf die Gesamtgesundheit ausgewirkt.

Alles in allem kennen die Forscher bislang erst wenige zwischenmenschliche Unterschiede in der Gen-Ernährung. Man ist noch nicht bei personalisierten Empfehlungen angelangt. Das scheint dann wohl doch Zukunftsmusik zu sein. Forscher rechnen jedoch fest damit, dass individuelle Ernährungstipps zunehmen werden, die auf das Erbgut und die Krankheitsrisiken abgestimmt sind. Die Konstitutionserwägungen der Naturheilkunde führen ja schon seit langer Zeit zu individuell abgestimmten Ratschlägen an den Patienten.

So wie schnelle Acetylierer gut und gerne einige Tassen Kaffee am Tag trinken dürfen, auch wenn sie schon ein Herzleiden hatten. Langsame Acetylierer mit schwachem Herz sollten dagegen zu entkoffeiniertem Kaffee greifen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/2008