EDITORIAL

Down-Aging???

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Anti-Aging war das Patentrezept gegen lästige Begleiterscheinungen des Alterns vorzugehen, wobei „anti“ durchaus eine kämpferische und konsequente Attitüde des Vorgehens signalisiert – eine Strategie, die sich nicht nur in Wellness und Entspannung erschöpft, sondern auch in Anstrengung, Training, Ernährung und deren Substitution durch die allgegenwärtigen „Nahrungsergänzungsmittel“ vielfältigen, mehr oder weniger zielgerichteten Zuschnitts für unterschiedliche Symptomatiken. Und während man sich bemüht, das Wort „Anti-Aging“ gerade in seinen aktiven Wortschatz aufzunehmen, taucht ein neues Wort auf: „Down-Aging“.

Man kann nicht verhehlen, dass im Hinterkopf der Begriff „Jungbrunnen“ auftaucht. Also nicht mehr gegen das Altern vorgehen, sondern bewusst zur Kenntnis nehmen, dass sich unsere Lebensspanne erweitert und dass wir zumindest subjektiv immer jünger werden. Höheres Alter heißt in Zukunft nicht mehr Siechtum, sondern es liegen viele Chancen in der Gestaltung eines längeren Lebens und seiner veränderten Phasen. Als Sechzigjähriger lebt man das Leben eines Fünfzigjährigen.

So sehen es auch die Zukunftsforscher, und diese Entwicklung ist einer der Megatrends, die unsere Zukunft bestimmen. Zu dieser Entwicklung gehört selbstverständlich, dass man sich aus so traditionellen Mustern herausentwickelt, dass in der Schule gelernt wird, dann das Gelernte angewendet wird (Arbeitsleben) und dass man sich danach „zur Ruhe setzt“. Zum Down-Aging gehört eine andere Einteilung der Lebensphasen und natürlich das lebenslange Lernen und das „Sich-eben-nicht-zur-Ruhe-setzen“. Dazu gehört, dass das Lernen nicht lediglich verschult angeboten wird, sondern dass es zu einer neuen Pädagogik des Selbstlernens kommt, mit der mehr Kreativität und Lust am Wissen Einzug hält. Durch eine solche Lebensweise – stellt sich die Zukunftsforschung vor – kann es bei der Begegnung mit neuem Wissen auch dazu kommen, dass man im Laufe seines Lebens mehrere, vielleicht sogar ganz unterschiedliche, Berufe ausübt. Kreative Berufe werden eine andere Bedeutung haben und evtl. ins Zentrum unserer Arbeitswelt rücken, die heute ja überwiegend noch fremdbestimmt ist und den „Arbeitnehmer“ im industriellen Lohnarbeitssystem weitgehend entmündigt. Ursprünglich hat dieses System den Menschen Sicherheit gegeben, hat ihnen aber auch viel von ihrer Kreativität und Freiheit genommen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx sagte in einem Interview: „Die Frage wird nicht mehr sein, wie lange einer im Büro hockt oder wie viel er verdient, sondern wie er sich selbst in seiner Arbeit wieder finden kann, und wie kreativ er seine sozialen Netzwerke gestaltet.“

Und zum Schluss noch ein Megatrend, den wir in unserem Heilberuf stark und dankbar registrieren: die Frauen sind im Kommen. Sie sind bildungswilliger, sie haben sich mehr von ihrer Kreativität erhalten und sie werden in Wirtschaft und Politik vermehrt ihre segensreichen Fähigkeiten einbringen – die Frau als Gebärerin, Bewahrerin und Beschützerin. Vielleicht gehört ja das Denken in Gegensätzen bis hin zu Klassenkampfattitüden doch eines Tages der Vergangenheit an. Das könnte nur gut sein für den Gesamtentwurf unserer Zukunft.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/2008