EDITORIAL

Hormon-Crash?

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Seit Rodin seine berühmte Skulptur „Le Penseur“ (Der Denker) auf den Sockel gehoben hat, wurde damit der Eindruck noch einmal bekräftigt, der Mensch mit seiner Fähigkeit zu denken und ein selbstreflexives Bewusstsein zu entwickeln sei nicht nur die Spitze der Schöpfung, sondern auch ein durch und durch rationales Wesen, das seine Handlungen überwiegend durch ebendiese Ratio bestimmt und kontrolliert. Weit gefehlt, wohin man auch schaut: Irrationalität beherrscht das Feld menschlicher Handlungen bei unbedeutenden, aber auch bedeutungsvollen Entscheidungen, die evtl. die Zukunft bestimmen und verheerende Auswirkungen haben können.
Natürlich möchte man diese Aussage nicht wahrhaben als Mensch, auch wenn sie uns als Vermutung immer mal wieder am Horizont erschien, man sie aber erfolgreich verdrängen konnte. Dennoch – wie heute alles „wissenschaftlich“ erforscht wird, geschah es auch mit dieser Vermutung, dass wir Menschen wohl überwiegend irrational dahindriften, auch wenn wir glauben unsere Entscheidungen – besonders die wichtigen – auf rationaler Ebene zu treffen. „Denken hilft zwar, nutzt aber nichts“, postuliert deshalb – und er hat es „erforscht“ – Dan Ariely, Professor für Verhaltensökonomie, in seinem so betitelten Buch. Er erklärt, warum wir uns so oft durch Irrationales beeinflussen lassen und Versuchungen erliegen wie einem „Köder“. So bezeichnet er z.B. Lockangebote, die das natürliche Streben des Käufers, den Wert eines Angebots durch Vergleiche einzuschätzen, manipulieren. In einem Experiment bot er Studenten ein Zeitschriften-Abo mit drei Optionen an: 1. als Internet-Abo für 59 Dollar, 2. als Druckexemplar-Abo für 125 Dollar und 3. als Internet-Abo plus Druckexemplar für 125 Dollar. Die meisten entschieden sich für die letzte Option. In einer Vergleichsgruppe mit nur den Optionen 1 und 2 wählten die meisten das Nur-Internet-Abo für 59 Dollar – der Reiz, etwas scheinbar gratis zu bekommen, fiel weg.
An sich gehen wir ja davon aus, dass der Mensch im Alltag den Nutzen aller vorhandenen Optionen kalkuliert und dann dem bestmöglichen Weg folgt. Aber in Wirklichkeit scheint es wohl eher so zu sein, dass die meisten unserer Entscheidungen vorhersagbar irrational sind. Entgegen der landläufigen Meinung handeln wir offenbar viel weniger logisch, als z.B. gängige Wirtschaftsmodelle behaupten. Und im Sektor Wirtschaft, das hat die Bankenkrise allzu schmerzlich gezeigt, bekommen wir gerade die offensichtlich irrationalen Entscheidungen weltweit zu spüren. Jetzt, hinterher, fragen wir uns, wie es dazu kommen konnte. Psychologie und Medizin können die Frage mangelnden rationalen Vorgehens der Global Player erklären: urzeitliche Reflexe, Herdentrieb und Hormone spielen bei den handelnden Personen eine wichtige Rolle und erhöhen das Risiko eines großen Crashs – eines Crashs der Hormone. Rationale und bewusste Entscheidungen an den Finanzmärkten sind nur die Oberfläche eines tiefen Stroms von Einflüssen, glauben die Vertreter von Theorien der verhaltens- und gefühlsmäßigen Steuerung. Bei einem kurzfristigen Erfolg schleicht sich offenbar so ein Gefühl der eigenen Unbesiegbarkeit ein, eine regelrecht euphorische Stimmung, die alle Warnsignale ignorieren lässt.
Man hat im Speichel von Händlern der Londoner Börse den Spiegel zweier Hormone getestet: Testosteron, das bei der Aggressivität eine Rolle spielt, und Cortisol, das im Körper bei der Fluchtreaktion ausgeschüttet wird. Die Untersuchung ergab, dass die Händler bei Gewinnen von Testosteron durchflutet werden und bei Verlusten der Cortisolspiegel stieg. Tierversuche haben wiederum gezeigt, dass höhere Dosen von Testosteron über einen längeren Zeitraum das Urteilsvermögen beeinträchtigen und zu übermütigen Risiken ermutigen könnten. Die kurzfristig euphorisierende Wirkung von Cortisol hingegen kann über einen längeren Zeitraum ins Gegenteil umschlagen, das Selbstvertrauen untergraben und Angst und Verunsicherung erzeugen. Wo der eine Chancen sieht, sieht der andere nichts als Risiken.
Wenn das nicht irrational ist!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/2008