EDITORIAL

Herbstlied

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Der Herbst bringt ein wenig Melancholie mit sich. Kaum eine Jahreszeit hat unsere Dichter so zur Poesie angeregt, zu einer Fülle von Herbstgedichten und -liedern – und immer geht es auch um die Farben der Bäume und das fallende Laub als Anzeichen vom Absterben der Natur und Ahnungen vom Sterben überhaupt. Nikolaus Lenau beginnt sein Gedicht „Herbst“:

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Meist ist in der Poesie von der Farbenpracht, vom Färben der Blätter die Rede, bei Lenau heißt es „Entfärben“. Wie sieht denn der mikrobiologische Vorgang einmal ganz rational betrachtet aus? Warum sich grüne Blätter im Herbst rot färben und welcher Mechanismus die Blätter von den Ästen fallen lässt, fanden die Forscher erst kürzlich heraus:

Ein Laubblatt hat seine grüne Farbe vom Chlorophyll. Ohne diesen grünen Farbstoff gäbe es keine Fotosynthese – Sonnenlicht bliebe einfach Strahlung und würde nicht mit Kohlendioxid und Wasser zu Zucker, ohne den gar nichts geht. Um Chlorophyll herzustellen, braucht die Pflanze aber wiederum Stickstoff. Die Bäume zersetzen das Chlorophyll in den Blättern, um den freigelegten Stickstoff danach in ihren Stamm zu ziehen – als Vorrat für die Blüte im nächsten Frühling. Neben dem Chlorophyll ist in den Blättern auch das rot- orange-gelb-farbene Karotin. Allerdings wurde das bislang von den farbintensiveren Blattgrünkörperchen überdeckt. Werden sie abgebaut, kommt das Karotin zum Vorschein: die Blätter färben sich rot bis gelb. Und was ist mit den lilafarbenen oder dunkelblauen Flecken auf den Blättern? Das ist freilich kein Karotin, sondern Anthocyan – und das wiederum ist ein Schutz, damit das Sonnenlicht nicht ungehindert auf die empfindlichen Blattzellen trifft, wenn das Chlorophyll abgebaut ist. Die dunkle Farbe der Anthocyane absorbiert die Strahlung und bindet Freie Radikale.

Und warum – müssen wir uns fragen – werfen die Bäume ihre Blätter ab? – Der Baum braucht auch im Winter Wasser, das bei gefrorenem Boden oder als Schnee an der Oberfläche knapp ist. Also kappt der Baum die Schwachstelle der Verdunstung und wirft die Blätter ab. Jüngst konnte auch dieses Geheimnis gelüftet werden, indem die für den Blattfall verantwortliche genetische Kaskade entschlüsselt wurde: An der Stelle, an der das Blatt am Ast ansitzt, gibt es viele kleine Schwellzellen. Wird das Chlorophyll zersetzt, löst das ein Signal aus, das die Produktion eines bestimmten Eiweißes anstößt. Über eine Kettenreaktion schwellen die Schwellzellen an, blockieren die Nährstoffzufuhr zum Blatt, und es entsteht ein feiner Riss zwischen Blattstiel und Ast – ein leichter Windstoß und das Blatt fällt ab.

Aber auch wenn die Vorgänge sich erklären ließen, bleibt doch das kleine Wunder des Herbstes, denn es ist die Natur, die von sich aus diese hoch komplizierten Vorgänge zur richtigen Zeit vollbringt, damit der Kreislauf der Jahreszeiten sich immer wieder neu vollenden und für uns auch im nächs­ten Herbst wieder bunte Landschaften bereit halten kann, die uns anrühren, wie Christian Friedrich Hebbel angerührt war:

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete sie kaum,
Und dennoch fallen raschelnd,
fern und nah,
Die schönsten Früchte ab
von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl
der Sonne fällt.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2008