EDITORIAL

Perpetuum Zeit

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Theoretisch wäre es natürlich auch möglich, dass das Jahr in jedem anderen Monat zu Ende ginge und danach neu begänne. Es handelt sich ohnehin um eine immer wiederkehrende Folge von sich abwechselnden Jahreszeiten, kalendarisch nach Monaten, Wochen und Tagen und uhrzeitlich nach Stunden, Minuten und Sekunden eingeteilt, wobei die gesamte Einteilung erst sinnvoll wird durch das Sich-Fortbewegen – wie ein Perpetuum mobile. Ja, vielleicht ist der Zeitablauf überhaupt das einzige Perpetuum.

Nichts ist so sehr Ausdruck des Lebendigen wie das Sich-Bewegende, Sich-Entwickelnde. In keiner Zeit des Jahres aber scheint diese unaufhörliche Entwicklung so sparsam mit ihren Äußerungsformen umzugehen, die unserer sinnlichen Wahrnehmung diese Entwicklung signalisieren, wie im Winter.

Riechen wir im Frühjahr den betörenden Duft des Frühlingswindes und bestaunen das stürmische Aufbrechen der jungen Knospen, ist die Luft erfüllt vom Blütenstaub, der die Bienen lockt, treibt die Hitze des Sommers das Reifen der Früchte voran, deren saftige Süße wir im Spätsommer genießen, wenn alles noch einmal durchfeuchtet wird, bevor die trockenen heftigen Herbststürme die Blätter von den Bäumen reißen und wir – wehmütig zurückblickend – durch das tiefe Laub schlurfen, so kommt im Winter die Kälte, die die Natur erstarren lässt, die Entwicklung scheinbar anhält und alles, so war es jedenfalls bisher, mit einem weißen schweigenden Mantel zudeckt.

Auch im Weltbild der traditionellen chinesischen Medizin ist der Winter bestimmt von der Energie der Kälte, die sich in dem irdischen Element des Wassers materialisiert. Der Winter bedeutet Stagnation, Erstarrung, Tod. Im Bereich der seelischen Qualität wird die Angst assoziiert. Angst und Kälte haben beide die gleichen Äußerungsformen: nämlich das Zittern. So ist der Winter eine schwere Zeit für Patienten, denen ohnehin immer kalt ist und die sich in ganz besonderem Maße hüten müssen vor Krankheiten, die durch Kälte ausgelöst werden oder mit Kältegefühl verbunden sind.

Tod und Erstarrung gehören in diese Jahreszeit – das Dunkle, die Farbe Schwarz und die Himmelsrichtung Norden. Der Geschmack des allgegenwärtigen Wassers ist salzig. Von den Körperschichten werden die festen – sozusagen erstarrten – Bestandteile assoziiert: nämlich die Knochen und die Zähne.

Und ganz entsprechend dem ruhenden, angehaltenen Leben, das unseren Sinnesorganen so wenig Anregung gibt – keine schwelgende Blütenfülle, keinen betörenden Duft, keine Geschmacksdelikatesse einer süßen, saftigen Frucht –, so ist in der Stille des Winters das zum Funktionskreis gehörige Sinnesorgan das Ohr, das diese Stille belauscht und die spärlichen Unterbrechungen derselben durch das Knacken eines gefrorenen Zweiges oder das Einbrechen einer Eisschicht unter einem schweren Stiefeltritt.

Der Winter ist die Zeit des zusammengekauerten Sich-nach-innen-Wendens, die Zeit des Kaminfeuers, das Kälte und Dunkelheit durchbrechen und das lange Warten verkürzen soll. Es ist die Zeit des Kerzenscheins in warmen Stuben, die Zeit erwärmender Mahlzeiten und Getränke, die die Ungeduld auf den ersten warmen Frühlingswind betäuben mögen. Der Winter – die große Zeit des Wartens –, von dem es im „I GING“ heißt: „Wenn Du wahrhaftig bist, so hast Du Licht und Gelingen. Beharrlichkeit bringt Heil. Förderlich ist es, das Wasser zu durchqueren.“ Und weiter: „Das Warten ist kein leeres Hoffen. Es hat die innere Gewißheit, sein Ziel zu erreichen.“

In diesem Sinne, verehrte Leserinnen und Leser, möchten Ihnen die Redaktion der „Naturheilpraxis“ und der Pflaum Verlag eine besinnliche Weihnachtszeit wünschen ... und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ihr


Naturheilpraxis 12/2008