EDITORIAL

Weich aber unfair

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Seit die Naturheilkunde mit den Heilpraktikern in den siebziger Jahren so eine Art Boom erlebte, erfreut sie sich bis heute wachsender Beliebtheit bei den Bürgern. So wurde auch die sog. Schulmedizin aufmerksam, und weil nicht sein kann was „wissenschaftlich“ nicht sein darf, wurden Diskussionen losgetreten, ob denn diese Naturheilkunde, die man u.a. auch als „alternative Medizin“ bezeichnete, überhaupt wirken könne, oder ob das alles „Humbug“ sei. Es waren eigentlich Diskussionen zwischen unwissenden Ablehnern und oft fanatischen Befürwortern, und man wurde sich in Fachkreisen klar, dass diese Diskussion versachlicht werden müsse, und man konnte in letzter Zeit auch einige hoffnungsvolle Ansätze beobachten.

Und nun – kurz vor dem Fest – der totale Rückfall. Dabei hätte das Motto der Sendung „Hart aber fair“ absolut geeignet und zielführend sein können. Aber leider wurden hier die Schleusen der Archive mit allem, was an Unsachlichem schon früher abgehandelt und auch ausdiskutiert worden war, weit geöffnet, und heraus pladderte nicht Verstandenes, Unverdautes, das seinen Unterhaltungswert überwiegend daraus zog, dass es aus fernen Ländern kam und besonders befremdlich erschien, weil man es nicht in seinen kulturellen Kontext setzt: natürlich waren da die indonesischen Operationen mit bloßen Händen und dann die Doppelblindstudie mit Akupunktur und Scheinakupunktur. Kein Wort zu den Hintergründen, dass z.B. Akupunktur ein Bestandteil der TCM ist, seit mehreren tausend Jahren die offizielle Medizin eines auch damals schon großen Volkes war. Und zur TCM gehört auch die Ernährungs-, die Bewegungslehre und die chinesische Phytotherapie.

Dabei muss man dem Moderator, Frank Plasberg, zugestehen, dass er bemüht war, ungewohnt verbindlich und „fair“ zu sein – das allerdings in einem Gesamt-Szenario zur Frage „Was taugt die alternative Medizin?“, dem man ohne Weiteres attestieren konnte: Thema verfehlt. Weder die Recherchen noch die Besetzung der Gäste hätten hier einen wesentlichen Beitrag zu dieser Frage leisten können. Einzig Barbara Rütting hat es auf den Punkt gebracht:
„Alternative Medizin wirkt tatsächlich ...; das habe ich am eigenen Leibe erfahren.“

Und wenn wir uns darauf verständigen können, dass Gesundheit auch etwas ganz persönlich Gelebtes ist, bekommt die Aussage eine wichtige Bedeutung.

Ansonsten hangelte man sich mit Floskeln durch den Abend, wie die missverständliche und abgenutzte „Wer heilt, hat recht“ oder: „Besser unwissenschaftlich gesund als wissenschaftlich krank“. Der Wissenschaftler Beda Stadler meint: „Kügelchen schlucken ist wie telefonieren ohne Akku. Und haben Sie schon einmal erlebt, dass so etwas funktioniert?“ – Ansonsten war sein Beitrag permanentes Kopfschütteln und überhebliches Belächeln anderer Äußerungen. Dann war da noch der Chefarzt und Theologe: biblische Wunderheilungen – ja, ansonsten – nein. „Ganzheitlichkeit ist ein religiöser Begriff, der für mich nicht in die Medizin gehört. Denn der Chirurg soll nicht meine Seele heilen, sondern meine Arme und Beine.“ – Fazit: Wenn ich aus der Kirche komme, hänge ich meine Ganzheitlichkeit an der Garderobe auf. Fliege war Fliege und natürlich positiv fördernd bemüht für die alternative Medizin, musste sich allerdings wie schon öfter die Frage nach seiner Geschäftstüchtigkeit gefallen lassen.

Wie gesagt: Thema verfehlt. Von der alternativen Medizin, von der Naturheilkunde wurde nicht gesprochen, und schon gar nicht von der „handfesten“ – Phytotherapie, signifikanten „Doppelblindstudien“ mit Komplexhomöopathika, Reiztherapie, ab- und ausleitenden Verfahren, Chiropraktik – und alles mit einer Jahrhunderte währenden Empirie selbst in unserem Kulturkreis – davon wurde nicht gesprochen.

Leider war (wieder) keiner dabei, der daran hätte gemahnen können, dass Naturheilkunde recht wenig mit Wunder zu tun hat, außer dass das Wunder des Lebens von der Naturheilkunde respektiert und die Selbstheilungskräfte angesprochen werden sollen.

Aber wem sage ich das?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/2009