EDITORIAL

Erfahrung ist alles

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es ist ein Streit, der seit der Aufklärung mit wechselnden Ergebnissen geführt wurde und uns bis heute immer wieder beschäftigt und nicht endgültig entschieden zu sein scheint: Wird der Mensch mehr durch seine Erbanlagen bestimmt oder durch seine Umgebung? – Die moderne Hirnforschung hält die Diskussion über den Vorrang der einen oder anderen Prägefunktion für absurd und postuliert, dass es lediglich auf die individuellen Erfahrungen ankomme, die einer gemacht habe.

Wenn man sich z.B. Geschwister mit einem Altersabstand von zwei Jahren vorstellt, so kann man davon ausgehen, dass sowohl die genetische Verwandtschaft als auch die Umwelt, die die Eltern bieten, so gut wie identisch sind. Dennoch können die Geschwister sich sehr unterschiedlich entwickeln, weil ihre Gehirne individuelle Erfahrungen machen. Es ist ein Riesenunterschied, ob einer als Erstgeborener in eine Familie hineinwächst, in der ihm alle Türen weit offen stehen, in der er sein Terrain besetzen kann, oder ob einer der Zweitgeborene ist und auf einen trifft, der schon vor ihm da war. Erstgeborene seien oft zielstrebiger, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen alle Türen offen stehen. Zweitgeborene hingegen seien wiederum kreativer, weil sie immer nach neuen Lösungen suchen müssen. Unsere Gesellschaften haben das offensichtlich bemerkt und adaptiert – deshalb die Tendenz, das Erbe dem Erstgeborenen zu geben als dem vermeintlich besseren Garant, dass ein gewünschter und vorgestellter Fortbestand gewahrt bleibt.

Wenn die Erfahrungen also die wichtigste Rolle spielen und man nach den Konsequenzen für unsere Schul- und Unterrichtsgestaltung fragt, dann wird klar, dass die schweren Mangelsituationen, die man allgemein beklagt, offensichtlich eine Folge schlechter Erfahrungen sind, die Schüler heute machen. Das lässt sich auch durch immer neue Maßnahmen wenig ändern, außer man holt z.B. die Schüler mehr mit „ins Boot“ und verändert so ihre subjektiven Erfahrungen und Bewertungen, damit Maßnahmen auch als hilfreich und nützlich betrachtet werden. Das geht weder mit Druck noch mit Belohnung. Man muss einladen und inspirieren, sich für neue Erfahrungen zu öffnen und sich darauf einzulassen. Entscheidend scheint zu sein, welche Beziehung Eltern, Lehrer oder Vorgesetzte aufbauen, damit sie inspirieren können. Die Beziehung muss im weitesten Sinne von Liebe getragen werden. Man muss den anderen annehmen und anerkennen, wie er ist. Dann kann man ihm helfen, seine Potenziale zu entfalten. Man beginnt wohl auch in unseren Bildungseinrichtungen langsam zu erkennen, dass nicht die Methode, sondern die Beziehung entscheidend ist. Es geht nicht, wie man lange glaubte, um die Aneignung von Wissen um jeden Preis, sondern um Lernprozesse, die auf „Erfahrung“ aufbauen, einer Erfahrung nämlich, dass die Entdeckung der Lebenswelt und ihre Gestaltung das Schönste ist, was man erleben kann. Die Begeisterung eines Kindes, das laufen lernt, kann jeder sehen. Dann fangen wir mit unserer Erziehung an und verwandeln Gold in Blei – eine, wie wir aus der Alchemie wissen, mehr als fragwürdige Kunst, wo doch die Übersetzung eines wunderbaren und zukunftsträchtigen Prinzips heißt:

Wertschöpfung durch Wertschätzung.

Manchmal gehören solche Themen, wenn sie Patienten auf der Seele liegen, sicher auch ins Patientengespräch.

Ihr


Naturheilpraxis 02/2009