EDITORIAL

Gründlich daneben

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit dürfte sich bei der Berechnung der Statik eines Brückenbaus durchaus positiv auswirken, aber das ist nur die eine Seite der Medaille: Wenn man bei negativem Handeln den Maßstab der deutschen Gründlichkeit anlegt, kann das umso negativere Folgen haben oder seltsame Blüten treiben. Eine Studie aus den 70er-Jahren ergab, dass in Deutschland die über 60-Jährigen doppelt so oft digitalisiert waren wie die in anderen europäischen Ländern, obgleich wir sicher nicht so andersartig waren wie unsere Nachbarn. Wenn man damals als Rentner eine Arztpraxis betrat und sich ans Herz griff, wurde sofort ein Rezept mit einem Digitalispräparat über den Schreibtisch gereicht. Das hat sich immerhin inzwischen wieder eingependelt, wir haben uns diesbezüglich dem EU-Durchschnitt wieder etwas angenähert. Mag sein auch deshalb, weil man sich in anderen medizinischen Bereichen „gründlich“ austoben konnte – Stichwort Lipidsenker. Die passende Normfestlegung des Cholesterinspiegels ohne Ansehen der Person schaffte ein „gründlich“ zu bearbeitendes „Therapiefeld“.

Und wie sieht es heute mit Rückenschmerzen aus? Geht ein Patient mit Kreuzbeschwerden zum Arzt, reagieren die meisten Mediziner mit dem gleichen Reflex: Sie wollen sich ein Bild machen und lassen die Wirbelsäule röntgen oder schieben die Patienten in Kernspin oder CT.

Ärzte aus Portland und Baltimore in den USA bezweifeln, dass diese Strategie den Patienten nützt. In der Fachzeitschrift „Lancet“ zeigen sie, dass Rückenleidende nichts davon haben, wenn sie nach der Begrüßung automatisch geröntgt oder in die Röhre geschoben werden. Man sollte diese Routine aufgeben, meinte der Studienleiter. Nur bei einer drohenden Lähmung, Entzündungen oder schweren Begleiterkrankungen wie Krebs seien solche Bilder sinnvoll. Die Studie wertete immerhin Erfahrungen von 1800 Patienten in verschiedenen Ländern aus. Demnach waren bei Patienten mit Kreuzbeschwerden, deren Wirbelsäule zuvor aufgenommen wurde, nach einem Jahr weder Beschwerden stärker gelindert, noch fühlten sie sich besser versorgt. Auf ihre Lebensqualität wirkte sich die Zusatzdiagnostik, die oft mit einer Strahlenbelastung einhergeht, auch nicht aus.

Seit Jahren mehren sich die Hinweise, dass Bilder der Wirbelsäule überflüssig sein könnten. In kaum einem Bereich der Medizin gibt es so große Unterschiede zwischen Befund und Befinden. Bei vielen Menschen sieht man zwar starke Abnutzungserscheinungen – aber der Verschleiß der Knochenkette sagt wenig darüber aus, ob jemand Beschwerden hat. In früheren Studien sollten Radiologen und Orthopäden Rücken-Aufnahmen bewerten. In einem Drittel der Fälle erkannten sie krankhafte Prozesse, rieten zur Operation. Was die Knochenexperten nicht wussten: Ihnen wurden Aufnahmen von beschwerdefreien Gesunden gezeigt. Spätestens seitdem weiß man: Röntgenärzte stellen bei vielen Erwachsenen Veränderungen der Wirbelsäule fest, die krankhaft erscheinen, aber keine Therapie erfordern. Fast die Hälfte der 50-Jährigen hat einen Bandscheibenvorfall, merkt aber nichts davon. Umgekehrt gelten 90 Prozent aller Rückenschmerzen als „unspezifisch“, das heißt, es ist kein Auslöser zu finden. Zudem lässt die Pein im Kreuz zumeist von allein nach. Mit Behandlung dauert sie 14 Tage – ohne Behandlung zwei Wochen, meinen auch ernst zu nehmende Kenner.

Man kann verstehen, dass man diagnostische Sicherheit will, auch wenn belegt ist, dass diese nicht durch Bilder kommt. Auch sind viele Patienten technisch geprägt und erwarten geradezu geröntgt zu werden. In einem Kommentar zu der neuen Studie in „Lancet“ wird bemängelt, dass bei vielen Ärzten nicht ankommt und umgesetzt wird, was längst als medizinisch gesichert gilt. Das träfe nicht nur auf Rückenschmerzen zu, sondern auch auf die Therapie von Hochdruck und Diabetes. Und es wird erwogen, wenn es bei den Ärzten nicht ankommt, sich vielleicht an Patienten zu richten und ihnen über die Medien zu sagen: Will euch der Arzt bei Rückenschmerzen sofort röntgen, lehnt es ab. – Ob sich die Medizinwirtschaft den mündigen Patienten wohl leisten kann?

Ihr


Naturheilpraxis 03/2009