EDITORIAL

...unsere Mythen?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Man sagt uns Deutschen ja immer wieder nach, wir hätten ein gestörtes oder zumindest gehemmtes Verhältnis zum Nationalstolz, der bei anderen Nationen völlig unverkrampft auch im Alltag gelebt wird. Zu sehr ist unser nationaler Mythos mit dem zweimaligen politisch-militärischen Scheitern und den Verbrechen der Nazis negativ belegt.

Dabei brauchen Menschen Mythen, Märchen und Geschichten, die sie schon in der Wiege gehört haben. Sie müssen sie verinnerlichen und in die Seele legen. Märchen sind nötig. Sie schaffen Bewusstsein und Gemeinsinn. Mehr noch: Mythen, Erzählungen und Sagen erzeugen ein gemeinschaftliches Ich, ein Gefühl von Heimat, das auch in Krisenzeiten Halt bietet. Der ungarische Schriftsteller György Konrad hat es auf den Punkt gebracht: „Die sonntäglichen Hochgefühle sind wichtig. Nötig sind nicht nur Wein und Fleisch, sondern auch das Pathos.“ Jede Nation benötige eine Abstammungssage, ruhmreiche Anekdoten und Erinnerungen an gemeinsames Leid.

Ungarn und Polen, Briten, Amerikaner und Franzosen schöpfen eifrig im Brunnen der Erinnerungen und nutzen ihre Traditionen, um Gemeinsinn zu schaffen. Dass viele der angeblich so alten Heldensagen erst im 19. Jahrhundert ersonnen wurden, tut nichts zur Sache. Sie sind im kollektiven Gedächtnis verankert. Sie schaffen eine feierliche Aura und sorgen für Selbstsicherheit.

Uns Deutschen fehlt dieser Halt ein wenig. Seit dem Wissen über die Hekatomben von Toten durch den Zweiten Weltkrieg ist uns der Sinn für Märchen und Mythen abhanden gekommen. Kaum einer weiß noch um die alten Geschichten, die Schlacht im Teutoburger Wald, den Tod Barbarossas, die Reformation als nationalgeschichtliches Ereignis, die Befreiungskriege und die Reichsgründung. Kaum einer der Jüngeren wie der Alten kann etwas anfangen mit den Nibelungen und den Nöten des Doktor Faust.

Im Vergleich zu allen anderen europäischen Staaten ist Deutschland heute eine weitgehend mythenfreie Zone. Kein Sturm auf die Bastille mit anschließender glorreicher Revolution wie in Frankreich; kein Unabhängigkeitskrieg, in dem politische Werte durchgesetzt wurden, wie in den USA; keine ungebrochene Erinnerung an eine glanzvolle imperiale Epoche, aus der die Eliten Selbstbewusstsein ziehen, wie in England.

Dennoch erscheint es lohnend, sich mit dem zu beschäftigen, was heute auf dem Abfallhaufen der Geschichte liegt: von Tacitus und dem Germanenmythos über den Gang nach Canossa bis zum Mythos vom „Vater Rhein“. Interessant ist allemal, sich auf die Suche nach den Gedächtnisorten zu machen und der Frage nachzugehen, warum sie aus dem Bewusstsein verschwunden sind, vom Brocken über den Kyffhäuser bis zur Wartburg, um sich im Anschluss mit der „mythenfundierten Symbolik“ nach der Reichsgründung 1871, der Umdeutung der Mythen in den Jahren ab 1933 zu befassen, die zu soviel Elend führte.

Vielleicht versteht man ja so unsere bewusst nüchterne Bundesrepublik, die wohl offensichtlich das Zeitalter des Konsum-Mythos eingeleitet hat. Allerdings hat das Defizit politischer Mythen einen Preis, und der besteht im Fehlen von Großerzählungen, die Zutrauen und Mut erzeugen und politische Reformen begleiten und absichern können. Der Befund mag überraschen: Mangel an politischen Mythen und struktureller Konservatismus gehen offenbar Hand in Hand. Ein Plädoyer für einen entspannteren Umgang mit der Nation und dem Nationalen.

Unsere Republik scheint allein mit dem Gedanken des Wohlstandes verknüpft zu sein, weil das wirtschaftliche Wachstum der Demokratie folgte. Es könnten Jahre kommen, in denen die Demokratie die Staatsform einer verarmten Gesellschaft wird. Gerade in diesen Zeiten ist es weise, ihr eine nationale Wirkungsmacht zu verleihen. Wie man das macht, zeigen uns die Briten, Franzosen und Amerikaner.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/2009