EDITORIAL

... gesund und tomatiger ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es ist nicht alles schadstofffrei, was im Biosortiment glänzt. Insgesamt ist es jedoch deutlich weniger belastet. Bioerzeugnisse und ihre konventionelle Konkurrenz sind ungefähr gleichwertig, was ihren Gehalt an Vitaminen und Mineralien angeht. Als Wissenschaftler die Möhren aus ökologischem und konventionellem Anbau miteinander verglichen, zeigten deren Karotinwerte keine nennenswerten Unterschiede. Vielmehr sogar steigen dadurch, dass beim konventionellen Ackerbau mit viel Dünger gearbeitet wird, einige Nährstoffwerte deutlich an. So entwickelt sich deutlich mehr Thiamin (Vitamin B1), wenn stickstoffhaltiger Dünger eingesetzt wird. Ebenso sank in einem Landwirtschaftsbetrieb der Karotin- und Kaliumgehalt von Möhren, nachdem auf ökologische, kalifreie Düngung umgestellt wurde. Dafür ging es mit den Natriumwerten steil bergauf.

Lange Zeit galten Vitamine und Mineralien als gesundheitliche Trumpfkarten von Obst und Gemüse, doch sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe scheinen mindestens genauso wichtig zu sein. Zu ihnen gehören beispielsweise Polyphenole, Salicylate, Saponine, und man weiß mittlerweile von ihnen, dass sie Krebs und Entzündungen hemmen, den Gehalt schädlicher Fettverbindungen im Blut reduzieren, zahlreichen Bakterien und Pilzen das Leben schwer machen und den Blutfluss verbessern.

Das Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau fand in ökologischem Gemüse bis zu 50 Prozent höhere Werte an sekundären Pflanzeninhaltsstoffen als in konventionellen Produkten. Experten erklären das damit, dass gerade Polyphenole und Saponine von der Pflanze gebildet werden, um sich vor Schädlingen zu schützen. Wenn jedoch dieser Job von Pestiziden übernommen wird, werden die pflanzeneigenen Schädlingsbekämpfer überflüssig, und ihre Produktion wird schließlich heruntergefahren. Die Ökomöhre ist also nicht zuletzt deshalb so gesund, weil der Bauer sie per Pestizid-Entzug dazu zwingt, selbsttätig für ihren Schutz zu sorgen.

Der Verbraucher liebt es heute „light“, und die Lebensmittelindustrie reagiert darauf. Als Folge tragen Rinder und Schweine immer weniger Fett auf den Rippen. Doch mit den gesparten Kalorien in Steak und Kotelett kam auch das Fettsäureprofil unter die Räder. Das Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere fand in einer Langzeitstudie heraus: Das Muskelfleisch von Rindern, die im Sommer auf der Weide frisches Gras und im Winter Kraftfutter mit Leinsamen fressen, besitzt doppelt so viele Omega-3-Fettsäuren wie das Fleisch von Artgenossen, die das ganze Jahr über im Stall stehen. Bezüglich der Milch gilt Vergleichbares.

Am Wiener Ludwig-Boltzmann Institut für biologischen Landbau führte man Futterwahlversuche mit Ratten durch, um Näheres zu den geschmacklichen Unterschieden von ökologischen und konventionellen Lebensmitteln zu erfahren. Die Nager eignen sich für solche Tests vor allem deshalb, weil sie einen ähnlich guten Geschmackssinn haben wie der Mensch, sich aber andererseits weniger von optischen Eindrücken irritieren lassen. Tatsächlich konnten die Tiere unterscheiden, ob sie konventionelles oder ökologisches Futter im Trog hatten. Sie gaben Weizen und Möhren aus ökologischem Anbau den Vorzug, doch Äpfel mochten sie lieber aus konventioneller Herstellung. Mögliche Erklärung für das schlechte Abschneiden der Ökoäpfel: Sie haben einen höheren Säuregehalt, und darauf reagieren Ratten empfindlicher als der Mensch.

Die Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel ermittelte, dass Bioprodukte weniger Wasser enthalten. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass sie prozentual mehr geschmacksbestimmende Substanzen haben könnten. Am ttz-Sensoriklabor Bremerhaven wurden zehn Testpersonen mit unterschiedlichen Lebensmitteln aus ökologischer und konventioneller Herstellung verköstigt. Dem Ökotomatenmark wurde dabei durchweg ein fruchtiger und „tomatiger“ Geschmack bescheinigt. Sollte die lang gehegte Vermutung, „bio“ sei gesünder, gar nicht so falsch sein – auch in der Therapie?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2009