EDITORIAL

„Graue Substanz“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Warum anstrengen und immer wieder Neues lernen? Diese Frage wird jetzt wissenschaftlich beantwortet: weil man damit die Möglichkeit hat, die Schäden zu kompensieren oder zumindest zu verlangsamen, die durch „unsoliden“ Lebenswandel, Altersdemenz oder ganz normal mit dem Älterwerden drohen. Auf diese Erkenntnis, die ja zum allgemeinen Erfahrungsschatz gehört, sind Neurologen gestoßen.

Für ihre Untersuchung wählten sie 38 männliche Studenten, die zwei Wochen lang jeden Tag eine Viertelstunde lang übten, Spiegelschrift zu lesen. Die Texte waren bunt gemischt. Vor dem Training untersuchte man das Gehirn der Probanden im Kernspintomografen. Es wurden Hirnaufnahmen beim Lesen von normal geschriebenen und dann beim Lesen von gespiegelt geschriebenen Worten gemacht. Während des normalen Lesens wurden erwartungsgemäß die für Sprachverarbeitung zuständigen Hirnbereiche besonders stark aktiviert. Während des Lesens von Spiegelschrift aber wurden zusätzlich die beiden weiter hinten gelegenen Hinterhaupt- und Seitenlappen des Gehirns in Anspruch genommen, die u.a. für das Erkennen von Objekten und das räumliche Vorstellungsvermögen da sind. Die Worte in Spiegelschrift müssen ja erst gedanklich gedreht werden, bevor man sie lesen kann. Parallel dazu führte man anatomische Messungen mit dem Kernspintomografen durch.

Nach zwei Wochen Training im Spiegelschriftlesen wurden die beiden Messungen wiederholt. Der Vergleich der Aufnahmen vor und nach dem Training ergab deutliche Unterschiede. Jenes Areal, das beim Spiegellesen besonders aktiv war, zeigte eine Zunahme in der Dichte der grauen Hirnsubstanz, die ja im Wesentlichen aus Nervenzellkörpern mit ihren Zellkernen besteht. Außerdem sind die Nervenzellen in der grauen Substanz bekanntlich über kurze Ausläufer, die Dendriten, vernetzt.

Der Austausch von Signalen findet über feste Kontaktstellen – Synapsen – statt. Aufgrund von bestimmten Überlegungen geht man davon aus, dass die gemessenen Veränderungen nicht auf einem Wachstum der Nervenzellen selbst, sondern auf einer Anpassung der Verschaltung zwischen den Nervenzellen beruhen. Das ist ein schöner Beweis für die Plastizität des Gehirns. Es werden die Bereiche im Gehirn umgebaut, die durch die neue Aufgabe besonders beansprucht werden. Indem sich die Verschaltung ändert, passt sich das Gehirn der Aufgabe an, d.h., die Zellen bilden zum Kommunizieren neue Synapsen aus.

Studien an Patienten mit einer milden kognitiven Beeinträchtigung, einer Art Vorstufe von Demenz, weisen darauf hin, dass Gedächtnistraining das Fortschreiten einer Demenz verlangsamt.

Eine Neuropsychologin befragte Personen zwischen 75 und 95 nach Fremdsprachenkenntnissen und testete ihre geistigen Fähigkeiten. Das Ergebnis war eindeutig: Wer eine Fremdsprache beherrschte, war geistig deutlich frischer und beweglicher. Je mehr Fremdsprachen jemand beherrschte, desto höher war seine geistige Leistungsfähigkeit. Es zeigte sich auch ein Zusammenhang zwischen Schulbildung und geistiger Potenz im Alter, aber das war für das Ergebnis der Studie belanglos. Die Mehrsprachigkeit wirkte sich bei jenen besonders positiv auf den geistigen Zustand aus, die überhaupt keine Schulbildung genossen hatten.

Die Studie lässt offen, ob Mehrsprachigkeit von vornherein eine Eigenschaft ist, die mit verringerter Neigung zu Demenz im Alter verbunden ist, oder ob Lernen und Gebrauch von Fremdsprachen die Entwicklung von Demenzen verzögern. Die Untersuchungen der Münchner Neurologen sprechen für die zweite Möglichkeit.

Es scheint lohnend, die unangenehmen Nebenwirkungen einer ansonsten positiven Routine durch Erlernen zusätzlicher Fähigkeiten ein wenig in die Zukunft zu verschieben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2009