EDITORIAL

„Graue Substanz“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

In einem Moment, wo mancherorts der -Dialog zwischen „Schulmedizin“ und „Alternativen“ bzw. „Komplimentären Methoden“ einen Hoffnungsstreif der Versachlichung zeigt, melden sich aufgescheuchte Hardliner mit den bekannten Vorurteilen zu Wort.

Die gemeinnützige Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) aus Roßdorf bei Darmstadt hatte zu ihrer Jahrestagung geladen in dem denkwürdigen, 1912 erbauten Hamburger Museum für Völkerkunde, in dem während seiner hundertjährigen Geschichte schon allerlei Ungewöhnliches und Absonderliches ausgestellt wurde, darunter Reitbesen und andere Utensilien der Hexerei. Insofern bot der wuchtige Backsteinbau an der Rothenbaumchaussee einen durchaus „stilvollen“ Rahmen für den Kongress zum Thema Parawissenschaften.

Die in der GWUP organisierten rund 900 Natur- und Sozialwissenschaftler aller Fachrichtungen firmieren auch unter dem Kurznamen „Die Skeptiker“. Skepsis gegenüber allen Erscheinungsformen von Okkultismus und Esoterik, aber auch gegenüber alternativen Heil- und Lehrmethoden verbindet sie. Esoterik und Aberglaube seien heute bei vielen Menschen hoch im Kurs, sagt der GWUP-Vorsitzende. In einer Zeit, in der Zeitungen täglich Horoskope druckten, Wahrsager und Wünschelrutengänger Geld mit wundersamen Behauptungen machen und dubiose Alternativmediziner ihre Patienten nicht selten mit angeblich wissenschaftlichen Methoden behandelten, verstünde sich die 1987 gegründete GWUP als ein notwendiges Korrektiv und als eine kompetente Anlaufstelle für Institutionen und Privatpersonen, die Fragen zu den Grenzen zwischen echter Erkenntnis und bloßer Vermutung hätten, zwischen Wissenschaft und esoterischem Hokuspokus. Für all diese Fragen empfindet man sich kompetent und zuständig als letztendliche Entscheidungsinstanz.

Während der Glaube an Wahrsagereien und Horoskope oft harmlos sei und in schlimmeren Fällen nur den Geldbeutel der Gläubigen erleichtere, sorge sich die GWUP vor allem darum, dass und wie die Alternativmedizin immer unwidersprochener an Boden gewinne – also wieder die unkritische Vermischung von einer „handfesten“ und in der Praxis millionenfach bewährten Alternativmedizin mit Hokuspokus.

Die Erfolge der Alternativmedizin gingen zumeist nicht über einen Placeboeffekt hinaus. Notwendig sei deshalb eine strengere Zulassungskontrolle für Medikamente und Heilmethoden und nicht eine Aufweichung dieser Kontrollen. Gerade hier sieht sich die GWUP jedoch verstärkt in der Defensive, wie bei der Hauptveranstaltung „Wissenschaft unter Beschuss“ deutlich wurde. Die Auseinandersetzung zwischen Alternativ- und Schulmedizin habe an Schärfe zugenommen, und Hersteller und Lobbyisten der Alternativmedizin würden zunehmend in den Wissenschaftsbetrieb drängen. Über Stiftungsprofessuren und Spenden versuche man sich zum Beispiel Etiketten wie Charité anzuheften.

In diesem Zusammenhang moniert die GWUP auch das Verhalten der Ärzteorganisationen. Selbst Ärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe verhalte sich ambivalent, wenn er zu einem „Dialog“ mit der Alternativmedizin aufrufe. Krankenkassen würden mittlerweile damit werben, Naturheilmittel und Heilpraktiker zu übernehmen. Und auch immer mehr niedergelassene Ärzte gingen dazu über, in ihren Praxen Angebote dieser Art zu machen – obwohl sie die Methoden eigentlich ablehnten, weil sie zu Recht befürchten, dass ihre Patienten sonst zu Kollegen abwandern.

So und ähnlich wurden alle bekannten Vorurteile zusammengesammelt und noch einmal vehement präsentiert – sicher zur Zufriedenheit der eigenen Gemeinde, die die Wahrheit gepachtet zu haben glaubt und sich offensichtlich mit der steten Wiederholung gleicher Argumente erneuert und auf den Stand der Zeit zu bringen glaubt. Gott sei Dank ist die Entwicklung auf diesem Stand nicht stehen geblieben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/2009