EDITORIAL

„Talentlüge“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Alle reden von Krise und meinen damit einen Zustand – statisch, lähmend, ausweglos, unabänderlich. Nein, nein, das ist selbst im stromlinienförmigen und ans Wachstum gewöhnten Deutschland nicht der Sinn des Wortes. Aus der griechischen Tragödie weiß man schon, dass die Krise eine Situation ist, wo es auf eine Entscheidung zugeht, wenn es denn nicht überhaupt die Entscheidung selbst ist. Es ist der Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung, und da ein Höhepunkt nicht „höher“ geht, sondern vielleicht verharrend zum Wendepunkt wird, scheint es angebracht zu sein, sich nicht wie ein hypnotisiertes Kaninchen vor der Schlange zu verhalten, sondern die Zeit des Verharrens zur Besonnenheit zu nutzen und der Frage nachzugehen: „Was haben wir denn falsch gemacht?“ Und die Antwort ist beschämend: So ziemlich alles!

Die Naturheilkunde weiß, dass Leben Bewegung ist, ein Sich-Bemühen, das auch von einer ethischen Gesinnung – welcher religiösen oder philosophischen Ausprägung auch immer – getragen sein muss. Die überwiegende Ausgerichtetheit aufs Materielle hat uns verführt zu glauben, das sei’s schon. Bei denen, die an der Spitze der Geld- und Wirtschaftshierarchie stehen, ist das an sich gesunde Streben, „mit seinem Pfunde zu wuchern“, in pure Gier umgeschlagen. Aber auch andere, die bescheidener ausgestattet sind, haben aus ihrer Zufriedenheit eine Selbstzufriedenheit werden lassen, sich zurückgelehnt und schauen sich abends im Fernsehen an, wie sie leben, wobei wichtige Elemente des Selberlebens verlustig gehen können. Wir haben zu lange Zeit im Stadium des Anspruchsdenkens verharrt, dabei sind ein wenig Biss und Engagement abhanden gekommen, und das soziale Netz hängt ganz schön schlaff durch.

Ein Neueinstieg ist gefordert: Talente jedenfalls – über Eliten wird ja sehr missverständlich diskutiert – haben wir alle: Jeder Mensch hat Talente, sie müssen nur gefördert werden. Sie dürfen nicht unter der Käseglocke unserer Bildungssysteme erstickt werden.

Wie schafft es ein mittelloser russischer Tennisklub mit einem einzigen Hallenplatz, mehr Spielerinnen unter die Top 20 der Weltrangliste zu befördern als die gesamten Vereinigten Staaten zusammen?

Warum hieven ein paar freie Schulen in amerikanischen Slums 80 Prozent der Schüler auf die Universität? „Talentschmieden sind mysteriöse Orte, und das Mysteriöse an ihnen ist, dass sie ohne jede Vorwarnung entstehen“, sagt Daniel Coyle in seinem jüngsten Buch „Die Talentlüge“ (Lübbe-Verlag 2009).

Der amerikanische Journalist hat 14 Monate lang neun musische, sportliche und schulische Talentschmieden rund um den Globus besucht. Sein Fazit: Sämtliche Kaderschmieden haben auf den ersten Blick wenig miteinander gemeinsam, außer dass sie hochgradig unscheinbare bis unattraktive Orte sind. Es wirke fast so, als bestünde ein direkter Zusammenhang zwischen dem Verfallsgrad der jeweiligen Schule und der Anzahl der Talente, die sie hervorbrächte, meint Coyle. Wenn wir in einer netten, angenehmen Umgebung sind, dann fahren wir unseren Einsatz offensichtlich automatisch herunter. Daraus ergibt sich die zweite Gemeinsamkeit: An all diesen Orten findet mühevolle Kleinarbeit statt, ein Prozess des schrittweisen Vorantastens an die Grenze der eigenen Fähigkeiten. Das hat aus Sicht der Hirnforschung einen entscheidenden biologischen Effekt.

Richtig lernen, das heißt nicht nur, stur bereits Bekanntes zu pauken, sondern die eigenen Wissens- und Könnensgrenzen immer wieder zu überschreiten. Das bedeutet zwangsläufig Scheitern, erzwingt Wiederholung und führt so zu ständiger Verbesserung.

So hat sich die Welt entwickelt, und wir werden nicht darum herumkommen, uns dieser erprobten Regeln menschlichen Zusammenlebens wieder zu erinnern.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/2009