EDITORIAL

„Paradigmenwechsel?“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Im Jahr 2000 staunte die Welt nicht schlecht: die Entschlüsselung des menschlich Genoms wurde verkündet. Nicht wenige glaubten, die Biologie habe nun einen krönenden Abschluss erhalten. Schließlich war der im Erbgut steckende Bauplan des Menschen vollständig bekannt, sodass sich daraus die ganze Biologie des Menschen mit etwas Fleiß ableiten lassen sollte. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Mit dem riesigen Datenberg ließ sich in der medizinischen Grundlagenforschung viel weniger anfangen, als nicht nur die kühnsten Optimisten sich erhofft hatten. Natürlich gibt es Erbkrankheiten, für die nur ein einziges Gen verantwortlich ist und die sich daher monokausal erklären lassen. An der Entstehung der meisten Erkrankungen ist jedoch eine große Zahl von Genen beteiligt, deren komplexes Wechselspiel sich nicht leicht erschließt. Es gibt eben nicht das Krebs-Gen oder das Gen für Herzinfarkt. So einfach ist die Sache leider nicht.

Wie wenig das Erbgut letztlich über das Besondere des Menschen aussagt, zeigt der Vergleich mit dem Erbgut anderer Primaten. Wenn sich das Genom von Affen und Menschen nur um wenige Prozent voneinander unterscheidet, dann werden sich allein mit den Genen die offensichtlich – oder zumindest hoffentlich – großen Unterschiede zwischen uns und unseren nächsten Verwandten im Tierreich wohl nicht erklären lassen.

Das menschliche Gehirn ist nach allgemeiner Ansicht das Organ, welches uns die spezifisch menschlichen Fähigkeiten verleiht — z.B. Sprachvermögen, Selbstbewusstsein oder gar Transzendenz. Doch die Forscher sind weit davon entfernt zu verstehen, wodurch das Gehirn seine erstaunliche Leistungsfähigkeit erhält. Noch weniger kennen sie den Zusammenhang zwischen dem grauen Denkorgan und dem Genom. Die theoretisch im Erbgut enthaltene Informationsmenge reicht bei Weitem nicht aus, um einen vollständigen Bauplan für so ein komplexes Netzwerk wie das Gehirn bereitzustellen. Das heißt: Es geht nicht ohne Selbstorganisation. Und es bedeutet auch: Das Ganze ist viel mehr als die Summe seiner Teile.

Diese an sich alte Weisheit gilt für alle Bereiche der modernen Biologie. Es reicht eben noch lange nicht aus, die Bausteine des Lebens — die sogenannten biobriggs — zu kennen, um das Leben erklären zu können. Der Reduktionismus vergangener Jahrzehnte kann die Biologie nicht mehr viel weiterbringen. Künftig wird es in erster Linie darum gehen, komplexe Wechselwirkungen zu verstehen. Leider ist dies mit einem weitgehenden Verlust von Anschaulichkeit verbunden. Die Forschung verlagert sich in das Innere leistungsfähiger Computer. Insider sprechen dann von „trockener Biologie“ — im Gegensatz zur nach wie vor notwendigen „nassen“ Forschung im Labor, bei der mit Flüssigkeiten hantiert wird. Methoden, wie sie in der Physik schon lange zum Einsatz kommen, erobern jetzt die Welt der Biologie. Einige sprechen sogar von einem Paradigmenwechsel hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung.

Spätestens hier wird der Naturheilkundler hellhörig: tatsächlich endlich ein Paradigmenwechsel? Hat er sich doch seit eh und je um eine ganzheitliche Betrachtungsweise bemüht, die Krankheit nicht als eine losgelöst objektivierbare betrachtet, sondern immer als eine unabdingbar mit einer bestimmten Persönlichkeit verbundene Entwicklung, die er zu verstehen, deren Zusammenhänge er zu ergründen und deren Prognostik er zu ermitteln suchte – mit den sich an die Wirklichkeit annähernden Denkmodellen der Naturheilkunde, als da sind: konstitutionelle oder regulatorische Überlegungen, die nichts anderes sind als als der Versuch, Zusammenhänge besser verstehen zu können. Ob diese Dinge allerdings wissenschaftlich ganz zu klären sein werden, kann man vielleicht heute noch nicht wissen. Vielleicht steht man ja auf dem Weg zum Paradies, wenn man eine Tür geöffnet hat, nur immer wieder vor ­einer weiteren verschlossenen Tür?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/2009