EDITORIAL

„abschweifender Geist“?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Auf dem Markt tummeln sich eine Reihe Anbieter von Programmen und Büchern, die eines gemeinsam haben: Entweder versprechen sie die Verbesserung bestimmter Hirnfunktionen, wie Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit oder Merkfähigkeit. Oder aber sie geben an, den altersbedingten Schwund der Gedächtniskraft zu verlangsamen. Wobei die meisten unter ihnen behaupten, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu basieren. Zunächst einmal gilt dabei der Grundsatz: Je mehr man mit ihnen übt, umso besser wird man. Die Frage ist nur, ob das Auswirkungen auf die Gehirnleistung im Alltag hat. Und genau hier herrscht Unklarheit.

Wissenschaftler konnten Ende der 90er-Jahre Überraschendes nachweisen. Menschen mit gut trainiertem Zahlengedächtnis, die sich teilweise bis zu 100-stellige Zahlenreihen merken konnten, konnten dies nicht auf Buchstaben übertragen. Hier schnitten sie nicht annähernd so gut ab. Ein gutes Zahlengedächtnis ist also kein Garant für generelle Merkfähigkeit.

Das Gehirn ist aber durchaus trainierbar. Es kommt allerdings darauf an, welches Ziel mit einem Training erreicht werden soll. Nur wenige Methoden und Programme wurden in kontrollierten und repräsentativen Studien auf Herz und Nieren getestet. So sehr es auch suggeriert wird, das Gehirn ist kein Muskel, sondern kann eher mit einem Körper verglichen werden, der aus vielen Muskeln besteht. Und in diesem Körper können einzelne Muskeln trainiert werden. Wer also beispielsweise per Software oder Buch mithilfe von Visualisierungstechniken lernt, sich den Einkaufszettel besser zu merken, dem gelingt das zumeist auch. Den Namen des erst letzte Woche getroffenen Geschäftspartners kann er beim nächsten Wiedersehen gleichwohl vergessen haben.

Die Fehleranfälligkeit des Gedächtnisses darf nicht zu der Annahme verführen, man habe es bei dem Gehirn mit einem unausgelasteten Organ zu tun. Noch immer existiert der Mythos, dass die meisten Menschen nur zehn Prozent ihres Gehirns nutzen würden. Hirnscans zeigen aber eindeutig, dass große Teile des Gehirns ständig aktiv sind und die verschiedenen Regionen für unterschiedliche Aufgaben beansprucht werden. Mehr noch, im Laufe eines Tages nutzen die meisten 100 Prozent des Denkorgans.

Als der Dalai Lama einer Gehirnoperation beiwohnte, fragte er anschließend die Chirurgen: Wenn das Gehirn das Denken hervorbringt – kann dann unser Denken nicht auch die Schaltkreise in unserem Gehirn verändern? Die Chirurgen waren irritiert. Das sei unmöglich, sagte einer, der Geist könne das Gehirn nicht formen. Heute weiß man: Dies war ein Irrtum. Inzwischen können Neurowissenschaftler erklären, was Buddhisten seit Jahrtausenden wissen: Das Gehirn ist wandlungsfähig – und zwar viel mehr, als die westliche Welt es bisher für möglich gehalten hätte.

Und hier haben uns die buddhistischen Mönche einiges voraus. Wer die Fähigkeiten seines Denkorgans so gut wie möglich ausschöpfen möchte, kann von der fern­östlichen Spiritualität lernen. Auf der Ebene der durch Tests messbaren kognitiven Unterschiede fand man heraus, dass 76 in Introspektion erfahrene tibetische Mönche eine besondere Fähigkeit aufwiesen: Sie waren in der Lage, den bis dahin für unwillkürlich gehaltenen Vorgang der binokularen Rivalität zu beeinflussen. Bei der binokularen Rivalität wird jedem Auge mittels einer speziellen Brille ein eigenes Bild gezeigt. Normalerweise wechselt das Gehirn in diesem Fall rasch zwischen beiden Bildern hin und her. Die Mönche allerdings konnten sich auf eines der Bilder konzentrieren, wie die Aufnahmen ihrer Gehirnströme zeigten.

Sowohl die alten Meditationstexte aus dem Zen- und tibetischen Buddhismus wie auch die neuen Konzepte der Neurowissenschaftler deuten darauf hin, dass es einer bestimmten Fähigkeit bedarf, um die Aufmerksamkeit auf einem Objekt zu halten und den abschweifenden Geist immer wieder zum Objekt der Betrachtung zurückzuholen.

Und wer will bestreiten, dass unser abschweifender Geist eine der schwerwiegendsten Grunderkrankungen unserer – wie man immer so schön formuliert – „schnelllebigen“ Zeit ist.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/2009