EDITORIAL

... weil du arm bist ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Kerzenlicht, duftender Tee, freudig besinnliche Musik, angeregte Gespräche am Kamin, Pläne für das Fest, das kommende. Wie wollen wir es genießen, was für ein Festessen wollen wir auf den Tisch zaubern? – Das ist die eine Seite.

Die andere: „...sie wickelten das Kind in Windeln und legten es im Stall in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

So alt die Welt ist, hat es immer diese zwei Seiten gegeben, aber die Kontraste erschienen nie so groß und ausgeprägt und so ohne Hoffnung zu sein wie heute, wo wir wieder einmal auf das Fest der Barmherzigkeit zugehen. Der Gedanke brennt schmerzlich, dass alle fünf Sekunden ein Kind verhungert. Und selbst mitten in unserer sogenannten Wohlstandsgesellschaft gibt es die Armut, auch wenn sie sich – so gut es geht – tarnt, weil die Scham der Betroffenen oft die Probleme verbirgt. Der Kampf um ihr Selbstvertrauen lässt sie alle Anstrengungen auf sich nehmen, als „normal“ in der Gesellschaft mitzuschwimmen.

Die Tafelläden sind ein Teil ihres Alltags. Dort wird gespendeter Überfluss geteilt – vor allem Lebensmittel und Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs. Eine Frau – sie ist 70, aber sie wirkt jung und adrett – sagt: „Ich schäme mich.“ Sie schämt sich, weil sie arm ist. Und das Ganze hat mit der viel beschworenen und viel beschriebenen Wirtschaftskrise nichts zu tun: arm! – mit oder ohne Wirtschaftskrise! Die Menschen, die zur Tafel gehen müssen, sind arm, alt, alleinerziehend und verdienen – mit oder ohne Krise – keinen ausreichenden Lebensunterhalt. Die Schuldnerberatungen schicken sie zur Tafel. Familien mit fünf, sechs Kindern sind dabei, um sich mit Lebensmitteln einzudecken, mit dem Allernötigsten. Selten bringt ein Zufall mal etwas Besonderes. Ein LKW-Unfall beschert überraschend an einem Tag Kisten voller köstlicher italienischer Antipasti, die aus dem Straßengraben aufgelesen wurden und den Qualitätsansprüchen der Delikatessläden nicht mehr genügten. – Sonst geht es um Brot, Gemüse, Obst, Käse, Wurst, Joghurt.

Als Naturheilkundler wissen wir, dass sich die sozialen Verhältnisse auf die Gesamtpersönlichkeit auswirken und einen Menschen tiefgreifend beschädigen und krank machen können, auch wenn die Unbekümmertheit der Kinder erfrischend über solche Hintergründe hinwegzutäuschen scheint. Allzu leicht bleibt etwas.

Die Mildtätigkeit der Tafeln hilft den Menschen bei einem Grundbedürfnis: den Hunger zu stillen. Es mag auch heilsame soziale Kontakte unter den Mitbetroffenen geben, aber es erhebt sich dennoch die Frage in einem zivilisierten Land: „Wollen wir wirklich den Staat aus der Verantwortung entlassen und die Fürsorge auf private Mildtätigkeit umstellen?“ Oder genauer gefragt: „Wollen wir nicht die Ellenbogenfreiheit so kanalisieren, dass man den anderen die Scham der Minderwertigkeit lindern kann?“ Haben wir doch nach dem Krieg als (relativ) Gleiche unter Gleichen begonnen, eine „Soziale Marktwirtschaft“ aufzubauen.

Man spürt Ohnmacht bei so vielen drängenden Fragen. Immer wieder ist unser Engagement gefragt für die Stärkung aller Aspekte, die sich heilend auf die Gesellschaft auswirken, so wie wir uns in unseren Praxen engagieren und unsere Patienten in der Unverletzlichkeit ihrer Gesamtpersönlichkeit zu verstehen versuchen – ganz nach den Regeln der Naturheilkunde: lege artis.

Die Redaktion der Naturheilpraxis bedankt sich, dass wir uns auch dieses Jahr für Sie engagieren durften, und wir wünschen Ihnen von Herzen eine besinnliche Zeit.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/2009