EDITORIAL

Denkkrise

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ein erleichtertes Aufatmen ging um die Welt, als das Jahr 1984 überstanden war, ohne dass Orwells Prophezeihungen eingetroffen waren. Er hatte prophezeit, dass wir von einer fremden Macht unterdrückt würden, die uns die Bücher und das Denken verbieten sowie uns die Freiheit und Wahrheit vorenthalten würde. Man hat bei dieser Erleichterung völlig vergessen, dass die Prophezeihungen eines ganz anderen auf bedrückende Weise Wirklichkeit werden könnten: nämlich die Aldous Huxleys.

Dieser meinte: Dass uns nicht das umbringen würde, was wir fürchten, sondern das, was wir lieben; dass wir begännen, unsere Technologien anzubeten, die unsere Denkfähigkeit zunichte machten; dass die Freiheit gefährlich sei, weil nicht berücksichtigt wurde, dass das Verlangen des Menschen nach Zerstreuung grenzenlos sei, und dass die Wahrheit uns nicht durch einen Feind vorzuenthalten werden brauche, weil sie ohnehin in einem Meer von Belanglosigkeit unterginge.

Nicht wahr - in den Vorstellungen Huxleys erkennen wir uns schon eher wieder?

Nun soll hier keineswegs leichtfertig einem Kulturpessimismus das Wort geredet und den vielen Reden über ebenso viele Krisen eine weitere hinzugefügt werden. Fragen wir uns stattdessen: Was steckt dahinter?

Aus unserer naturheilkundlichen Sicht sind alle uns heute so unangenehm tangierenden Probleme lediglich unterschiedliche Erscheinungsformen, die sich auf einen Nenner bringen lassen: Wir leben in einer Denkkrise! Wir setzen zunehmend unsere intellektuellen Fähigkeiten dazu ein, uns die Welt in des Wortes schlechtester Bedeutung „untertan zu machen“.

Unser Denken ist spekulativ darauf ausgerichtet, die Natur für den Menschen auszunutzen, sie mit fortschreitenden technischen Möglichkeiten zu überlisten, natürliche Vorgänge zu korrigieren und unsere Welt in eine für den Menschen anscheinend lohnendere umzugestalten. Bei dieser „Korrektur“ nimmt man die Tötung des vermeintlich als „unwert“ oder zumindest „entbehrlich“ Erkannten allzu leichtfertig in Kauf.

Naturverbundene – und wir Heilpraktiker gehören dazu – haben schon immer gemahnt, dass das zum Leben Wichtigste vergessen wird — nämlich: Der Mensch ist selbst Teil der Natur, und die Grundlage seines Überlebens ist, dass er mit der Natur im Einklang lebt. Auch heute muss man wieder dringend eine Abkehr von der Perversion eines spekulativen Ausnutzungsdenkens anmahnen – hin zu einem gesunden Denken eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Leihgabe Natur. Krankes Denken scheint die Krise unserer Zeit zu sein und zuallererst einem gesunden Leben entgegengesetzt. Die allzu leichtfertige Strapazierung des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik mit einer augenfällig sich steigernden Zunahme von Entropie und Chaos bedroht unser gesamtes ökologisches Sys­tem. Angesichts dieser Tatsache ist das Geziehe und Gezerre auf dem Klimagipfel in der vergangenen Adventszeit unwürdig. Wir dürfen nicht länger in der bisher geübten Großzügigkeit Materie in Energie umwandeln, bis die Nebenwirkungen die Wirkungen zuschütten. Auch unsere Nahrungsmittel werden trotz des technologischen Fortschritts immer belasteter. Vielleicht müssen wir neu lernen, in die Natur hineinzuhorchen und sie in uns anklingen zu lassen. Dann werden wir sicher – in Abwandlung eines bekannten Werbespruches – den Satz vernehmen: „Askese war nie so gesund wie heute!“

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit in unserem neuen Jahr 2010.

Ihr


Naturheilpraxis 01/2010