EDITORIAL

Geld oder Leben?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wenn man es vom rein geschäftlichen Standpunkt aus sieht, ist das Gesundheitswesen eine Wachstumsbranche, allerdings nur, wenn man Therapien und Therapeutika als ganz normale Wirtschaftsgüter betrachtet, deren höchstes Ziel Umsatzsteigerung ist. Danach müssten mehr Kranke mehr Umsatz bringen, aber selbst das höhere Alter und die Zunahme iatrogener Krankheiten können nicht die Umsatzsteigerungsraten „erwirtschaften“, die man sich heute in rein wirtschaftlich denkenden Konzernen vorstellt. Selbst dass man die bis zum Überdruss propagierte Gesundheitswelle mit Vitamien, Mineralstoffen, Spurenelementen etc. pp. bedient, kann wirtschaftlich gesehen nicht befriedigen. Abgesehen davon, dass die Güter im Zusammenhang mit Krankheit und Gesundheit unter dem Vorbehalt von Ethik und Verantwortung stehen sollten. Diesbezüglich scheint allerdings die Entwicklung völlig aus dem Ruder zu laufen. Längst geht es nicht mehr um die Frage, wie können wir dem kranken und hilfesuchenden Menschen helfen, sondern um die Frage, wie können wir etwas entwickeln, das ein möglichst breites Spektrum eines „Krankheitsphänomens“ abdeckt und nicht zuletzt deshalb umsatzträchtig erscheint. Im Umfeld der Entwicklung und Produktion von Lipidsenkern konnten einem ja schon einmal solche Gedanken kommen. Und – auch wenn das Thema ernst ist – ebenso im Umfeld von Impfstoffen und Medienarbeit gerät man in die Versuchung, in diese Richtung zu denken, wenn man die Verhandlungen zwischen Ländern und Pharma verfolgte, wo es um eine geringere Abnahme von Impfstoffen ging als geschäftlich vereinbart. Was man dennoch zahlen „muss“: eine Art Abwrackprämie, wie sie in Krisenzeiten gern einmal zur Unterstützung der Wirtschaft hergenommen wird? Die Banken waren dran, die Autoindustrie – warum nicht auch die Pharmabranche?

Ihr steht auch eine weitere Unterstützung ins Haus, denn offensichtlich ist der eigene Forschungsanreiz bei der Entwicklung neuer Antibiotika eher wenig ausgeprägt. Anscheinend ist das Geschäft mit neuen Antibiotika zu unrentabel, als dass sich große Investitionen in die Suche nach neuen Wirkstoffen lohnen würden. Das könnte nicht zuletzt daran liegen, dass Antibiotika nie lange eingenommen und neue Medikamente leicht zu Mitteln der Reserve erklärt werden, damit sich ihre Wirkung nicht vorschnell durch die Bildung von Resistenzen verbraucht. – Der schrumpfenden Zahl wirkungsvoller Antibiotika steht eine wachsende Zahl resistenter Keime gegenüber. In der EU sterben jährlich über 25000 Menschen an multiresistenten Erregern. Der Medizin machen sechs Erreger besonders zu schaffen, wovon vier gramnegative Stäbchenbakterien sind. – Wenn sich Forschung für die Industrie nicht lohnt, ist die Politik gefordert, und es rollen Staatsgelder, die es in diesem Bereich eigentlich nur für „orphan drugs“ für sehr seltene Krankheiten gibt. Die amerikanische Gesellschaft für Infektionskrankheiten hat ihre Regierung und die EU aufgefordert, ihre Initiative zu unterstützen, bis zum Jahre 2020 zehn neue Antibiotika zu entwickeln.

Unbenommen bleibt es freilich uns, unsere Lebensführung und unsere therapeutischen Maßnahmen dergestalt zu ergreifen, dass wir uns und unsere Patienten möglichst vor Resistenzen schützen und uns eine unvernebelte Stirn über die Zusammenhänge und Hintergründe in unserem Gesundheitswesen erhalten.

Ihr


Naturheilpraxis 02/2010