EDITORIAL

OP-Führerschein

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

In Abwandlung eines Liedtextes aus den 70er-Jahren heißt es: „Spiel ruhig mit den Schmuddelkindern.“ Oder man beruhigt sich als Eltern bei der Hygieneerziehung seiner Kinder mit dem alten Spruch: „Dreck reinigt den Magen.“ Und da ist natürlich was dran. Kinder, deren Eltern ständig mit der Sakrotanflasche hinter ihnen herlaufen, haben mit der Entwicklung eines gesunden Immunsystems bekanntlich ihre Schwierigkeiten. Die Regel für die Alltagshygiene scheint wohl eher zu lauten: ein bisschen schon, aber nur nicht übertreiben!

Anders ist die Situation im Krankenhaus, wo die invasive Vorgehensweise die Regel ist. Hier, wo operiert wird und Haut und Darm als Immunbarriere umgangen werden und man direkt an die inneren Organe geht, kann Hygiene gar nicht groß genug geschrieben werden. Im OP-Saal hat sie alleroberste Priorität. Wer sich nicht daran hält, gefährdet den Patienten, aber auch sich selbst und die Kollegen. Experten schätzen, dass sich etwa eine halbe Million Deutsche jährlich im Krankenhaus mit einer Krankheit anstecken. Und schuld ist oft mangelnde Hygiene. Deshalb hat die Universität Tübingen zusammen mit der Firma world wide Hospital (wwH-C) den „OP-Führerschein“ entwickelt. Wer keine medizinische Ausbildung hat und sich trotzdem aus beruflichen Gründen in einem OP-Saal aufhalten muss, wie Medizinstudenten, Forscher und vor allem Mitarbeiter von Medizintechnikunternehmen, dem empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie diese Schulung.

Beim Sich-fertig-Machen, bevor man durch die Hygieneschleuse in den OP tritt, kommt es auf die korrekte Reihenfolge an: zuerst Hände waschen, danach desinfizieren, dann die Haube (die hellgrüne OP-Haube) über den Kopf, alle Haare müssen darunter versteckt werden, eine feste Schleife unter dem Kinn binden, das weiße Hemd, Kasack genannt, über den Kopf, dann in die Hose, und ganz wichtig: das Hemd in die Hose stecken, danach der Mund-Nasen-Schutz. Haube und Mund-Nasen-Maske müssen ab jetzt bequem sitzen, denn während der Operation darf beides nicht mehr mit den Händen berührt werden, sonst macht man sie unsteril. Ein Fehler im Ablauf solcher zertifizierter Prozesse kann verheerende Folgen haben. Zieht man z.B. das Hemd über den Kopf, bevor man die Haube aufsetzt und verschnürt, können Haare und Hautschüppchen am Hemd haften und später bei der OP, wenn man sich über den Patienten beugt, in dessen Wunde fallen. Auf diesem Weg gelangen Bakterien in die Wunde, und sie infiziert sich. Experten sprechen dann von einer nosokomialen Infektion, das bedeutet, der Patient hat sich im Krankenhaus infiziert. Infolge der Wundinfektion muss ein Patient im Durchschnitt eine Woche länger im Krankenhaus bleiben und braucht mehr Antibiotika. Das kostet viel Geld, und im schlimmsten Fall stirbt der Patient an der Infektion.

So erscheint es sinnvoll, diesen OP-Führerschein für alle Personen verpflichtend zu machen, die an einer OP teilnehmen. Da sind auch Firmenvertreter, die während einer OP evtl. auftauchende Fragen beim Chirurgen, wie z.B. ein neu entwickeltes Implantat einzusetzen ist, beantworten u.a. Der OP-Führerschein soll in Zukunft schon während des Medizinstudiums verpflichtend sein. Es ist vernünftig, Sicherheitslücken zum Wohle des Patienten zu schließen.

Das gilt auch für invasives Vorgehen in der Praxis. Hygiene ist in diesem Bereich unteilbar. Hier wäre ein bisschen Hygiene nur so gut wie keine. Aber wem sage ich das?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/2010