EDITORIAL

Sprachlich abrüsten!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Am Anfang war das Wort“, heißt es im Johannes-Evangelium. Und es war gut und recht.
Doch im Laufe der Zeit machte das einstmals so hehre Wort leider auch Bekanntschaft mit der Niedertracht.
Wir reden hier nicht von Sprachformen und Ausdrucksmöglichkeiten etwas zu überspitzen, zu karikieren, zu glossieren – nicht einmal von einem überzeichnenden Sarkasmus soll die Rede sein –, nein, wir reden von der blanken Niedertracht, wo andere mit Worten ausgeschaltet werden sollen, wo sie mit Lügen und Halbwahrheiten in falschen Zusammenhängen namentlich genannt werden, wobei die Wiederholung als „Stilmittel“ äußerst beliebt ist – nach dem perfiden Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein – es wird schon etwas hängen bleiben.

Wir kennen diese Stilmittel aus der deutschen Vergangenheit, wo man zur Gleichschaltung des Denkens und zur Meinungsanpassung eigens ein Ministerium geschaffen hatte: das Propagandaministerium. Allerdings ist es heute allein wegen der Dimension und ihrer Auswirkungen obsolet, diese Zeit in irgendeiner Weise als Vergleich heranzuziehen, was hier auch ausdrücklich nicht beabsichtigt ist.

Eine Sprache, die mit der Niedertracht Bekanntschaft gemacht hat, ist auch heute noch in politischen Auseinandersetzungen – auch berufspolitischen – anzutreffen. Man denke nur an die jüngste Vergangenheit, wo bei Plädoyers für eine Leistungsgesellschaft schnell mal die Geringverdiener gegen Hartz-IV-Empfänger ausgespielt wurden.

Unter unseren Berufsverbänden gab und gibt es Meinungsverschiedenheiten, die auch in deren Medien ausgetragen werden, und das ist an sich gut und selbstverständlich. Letztlich sind diese Medien dazu da, zu erfahren, was die Verbände zu diesem oder jenem Thema denken. Allerdings sollte man es mit der Zurkenntnisnahme bewenden lassen oder sich zu Diskussionen treffen.
Aber wenn das einem Verband nicht reicht und ihm der Austausch der Meinung in den normalen Verbandsmedien nicht genügt, er Druck macht und in kurzen Abständen immer wieder flugblattähnliche Zwischenveröffentlichungen über Teile des Berufsstandes herabflattern lässt, dann ist das eben der Sündenfall, weil dann das Wort zu Rechthaberei und Indoktrination missbraucht wird.
Man kann es ja nachlesen: es sind eigentlich immer wieder die gleichen Inhalte, wo eigene Standpunkte massiv vertreten werden und anderen das Recht, anders über etwas zu denken, bevormundend und rechthaberisch abgesprochen wird.
Natürlich sagt man das nicht so geradeheraus, damit keine Lachnummer daraus wird, man verwendet einfach das „Totschlagargument“: wer anders denkt, ist gefährlich für den Berufsstand.
Ob man wohl wirklich glaubt, dass man die Wahrheit gepachtet hat? Und jüngst scheint es, dass sie sogar vererbt werden kann. Solch eine Grundhaltung passt, meine ich, überhaupt nicht in unseren Heilberuf.

ie Radikalisierung der Sprache schadet unserem eigentlichen Anliegen. Lassen Sie uns abrüsten, damit wir uns wieder geborgen fühlen können im friedlichen Auftrag unseres Heilberufs.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2010