EDITORIAL

„Achtsamkeit“ ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die meisten Deutschen ziehen sich aufs Sofa zurück, wenn sie gestresst sind. Woher man das weiß?

Naja – wie heute üblich, ergab das eine Umfrage im Auftrag der „Apotheken Umschau“. Demnach versuchen annähernd zwei Drittel der Deutschen sich zum Beispiel mit einem Buch oder vor dem Fernseher „abzulenken“. Knapp die Hälfte versucht es auch mit viel Schlaf, die Zeit der Unpässlichkeit vergehen zu lassen, fast ein Drittel immerhin wählt die Flucht in sportliche Aktivitäten, und ein Viertel bläst den Rauch einer Zigarette in die Luft und bildet sich offensichtlich ein, dass mit der davonziehenden Qualmwolke auch der Stress davongetragen wird.

Von ganz anderem Kaliber der Stressbewältigung – falls er überhaupt so etwas kennt – ist da schon ein indischer Yogi, der zwei Wochen meditierend unter lückenloser wissenschaftlicher Aufsicht stand und in dieser Zeit weder Essen noch Trinken zu sich nahm und problemlos überlebte. Sein messbarer Stoffwechsel war gleich null, und er schied in dieser Zeit auch nichts aus. Der Guru Prahlad Jani behauptet, ausschließlich von der Energie zu leben, die ihm durch Yoga-Übungen und Meditation zuteil werde. Der Mann ist dürr, aber in guter Verfassung.

Ein wissenschaftlicher Zugang zu Janis Askese existiert bislang nicht. Etwas mehr wissen Forscher immerhin über den Zustand der Gehirne von Yogis und erfahrenen Meditierenden. Dort manifestiert sich Messbares.

Der Psychologe Ulrich Ott vom Bender Institute of Neuroimaging an der Uni Gießen forscht zur Meditation der „Achtsamkeit“, die darauf basiert, alle Erscheinungen im Inneren und Äußeren gleichmütig-akzeptierend wahrzunehmen. Sie wurde begründet als Methode der achtsamkeitsbasierten Stressminderung vom Verhaltensforscher Jon Kabat-Zinn. Es geht außer den Meditationsübungen um eine Achtsamkeitssteigerung bei ganz alltäglichen Handlungen wie Essen oder Zähneputzen.

Alles klingt ein wenig nach Esoterik, aber Ott meint, Meditation sei angewandte Neurowissenschaft. Meditativ angestoßene Veränderungen beschränken sich nicht nur auf die subjektive Wahrnehmung. Die Übungen können auch den Blutdruck, die Herzfrequenz und den Sauerstoffverbrauch senken. Das haben schon frühere Studien bestätigt, aber heute im Fokus stehen die Auswirkungen des Meditierens auf die Funktionen und die Struktur des Gehirns.

Mit den Meditationen können im Gehirn mehrere Aufmerksamkeitsnetzwerke trainiert werden. Hierbei spielt der singuläre Kortex im Stirnlappen des Großhirns eine Rolle. Üben scheint besonders diese Region zu trainieren. Man entdeckte im Kernspin bei erfahrenen Meditierenden eine bis zu fünf Prozent dickere Gehirnrinde als bei normalen Vergleichspersonen. In ihren Gehirnregionen für Aufmerksamkeit und Sinneswahrnehmungen fand man deutlich mehr Nervenverschaltungen. Man kann vermuten, dass Meditieren wohl auch einen Schutzwall gegen Demenz errichten kann, nach dem Motto: „Use it or lose it“.
Ich meine, man kann ohne Weiteres nachvollziehen, dass man derlei Wirkungen durch Fernsehen auf dem ach so beliebten Sofa wohl nicht erreichen kann.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Frühsommer!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2010