EDITORIAL

Fett ist Fett?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen.“ Dieser Satz des deutsch-schwedischen Biologen Jacob von Uexküll lässt sich so schön locker zitieren und ist zudem noch eine gute Pointe, wenn es um den relativen Wahrheitsgehalt und den gleichzeitig dogmatischen Anspruch von Wissenschaft geht. Doch kann einem das Lachen im Hals stecken bleiben, wenn sich im wissenschaftlichen Irrtum tragische Dimensionen verbergen, wo es um Leben oder Tod gehen kann.

Wir müssen, auch angesichts unseres Themas „Herz“, wieder einmal über die Fette reden. Nun haben wir uns zwar daran gewöhnt, dass eine „gesunde“ Ernährungstheorie die andere jagt und mehr oder weniger werbewirksam an den Mann gebracht werden soll, aber an einigen Grundpfeilern wurde kaum gerüttelt, sie hatten praktisch schon den Status von Grundwahrheiten. Aber manchmal können auch Grundpfeiler zu wanken beginnen. Es könnte ja sein, dass manche Faustregel, die wir bei allem, was Essen und Kochen angeht und für unerschütterlich naturgegeben halten, falsch ist.

Da haben ein Professor und ein Dutzend freiwillige Helfer Olivenöl erhitzt und – mundgerecht abgekühlt – es sich einverleibt, um 16 Stunden später ein paar Milliliter Blut abzuzapfen und zu analysieren. Bei allen war der Pegel gefährlicher Oxidationsprodukte im Blut erhöht – bei den Jüngeren um etwa die Hälfte, aber bei Älteren um fast das 15-Fache.

Inzwischen gehen einige Fachleute davon aus, dass mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie etwa auch die Omega-3-Säuren ihren Ruf als Gesundheitselixiere nicht verdie-nen. Sie stellten sogar ein Risiko dar, seien in großen Dosen auf jeden Fall gesundheitsschädlich. Allerdings können Omega-3-Fette in hohen Dosen die Überlebenschancen von Herzpatienten verbessern, aber ob sie auch Tumoren schrumpfen lassen, das Gemüt aufhellen u.ä., ist mehr als umstritten.

Noch wird ja propagiert, in gesättigten Fettsäuren in Butter, Sahne u.a. versammle sich das ganze Übel unserer verfetteten Wohlstandsgesellschaft, die „guten“ ungesättigten Fette hingegen reicherten das „gute Cholesterin“ im Körper an.

Der Bayreuther Chemiker Spiteller sagt: „Die Natur hat die mehrfach ungesättigten Fettsäuren als Sonnenschutz für Pflanzen entwickelt. Sie sitzen ganz außen in den Zellmenbranen und reagieren sehr feinfühlig, äußerst empfindlich. […] Kommt das Öl oder das Pflanzenfett an die Luft, sind die ungesättigten Fettsäuren die ersten Stoffe, die ranzig werden und freie Radikale bilden.“ Diese Radikale stehen aber seit jeher in Verdacht, das Erbgut zu schädigen, Zellen anzugreifen, Krebs zu erzeugen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu fördern.

Und warum bekommen Eskimos auffallend selten einen Herzinfarkt? Das Gute stecke wirklich im Fisch, aber nicht im Omega-3, sondern in den F-Säuren. Die Furanfettsäuren finden sich in kleinen Mengen im Fisch, allerdings nur, wenn Algen seine Nahrung waren. Hinter Lachsen aus der Zuchtfarm, die mit Fischmehl und Öl gefüttert werden und reichlich Omega-3 enthalten, steht also ein Fragezeichen.

Für den Naturheilkundler wäre diese neue Sicht der Dinge kaum verwunderlich. Das Auf und Ab unterschiedlicher Erkenntnisse (oder Irrtümer) war ohnehin nie die Richtschnur der Naturheilkunde, sondern stets das Ganzheitliche und Naturbelassene.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/2010