EDITORIAL

Sommerlochspiele 2. Teil?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wir hatten uns ja in der letzten Ausgabe schon mit dem Sommerloch befasst – angelegentlich der Homöopathie, die aus lauter Übermut und mangelnden Kenntnissen zur Unwirksamkeit „verurteilt“ wurde.

Während die Ferien in den nördlichen Bundesländern zu Ende sind und selbst die Kanzlerin wieder in ihrem bescheidenen Amtssitz eingetroffen ist, ist man in Bayern noch mitten in den Ferien, und also muss das erwähnte Sommerloch hier noch weitergepflegt werden.
Und da hat man sich in den Redaktionsstuben gefragt, ob es denn nicht noch so ein feines Objekt gäbe aus dem großen Teich des medizinisch-wissenschaftlich nicht Fassbaren. Man war sich schnell einig: die Akupunktur soll es sein, zumal sich gerade ein Märchenerzähler als Entdecker angedient und eine wunderbare Phantasiereise durch die Welt der Akupunktur angeboten hatte. Die „Süddeutsche“ konnte nicht widerstehen. Es war für die Wissenschaftsredaktion zu verlockend.

Man titelte „Akupunktur: West-östlicher Scharlatan“ – und ist selbst einem Scharlatan aufgesessen.

Am Anfang der westlichen Akupunktur stand ein Hochstapler namens Soulié de Morant (1878–1955), schreibt ein Herr Lehmann in der „Süddeutschen“ vom 14. August. Und was ein Scharlatan begründet, bleibt Scharlatanerie. Selbst die ärztlichen Akupunktur-Fachgesellschaften wandten sich ganz entschieden gegen diese Aussage, die freilich nicht nur falsch, sondern auch in hohem Maße unsinnig ist.

Herr Lehmann versteigt sich zu wirren und unsortierten Vorwürfen, ignoriert medizinhistorische Tatsachen gleich reihenweise und leitet daraus absurde Unterstellungen ab.

Jeder weiß, dass de Morant nicht der Vater der westlichen Akupunktur ist. Die Arbeiten de Morants hatten keinen Einfluss auf die Entstehung der TCM-Lehrbücher, die seit Anfang der 1960er-Jahre in China publiziert wurden. Die Aussage, die Fachgesellschaften bezögen sich auf de Morant, ist nachprüfbar falsch.

Dann aber geht es völlig durch mit unserem Märchenonkel, wenn er behauptet: „Auch die Organuhr geht auf Soulié de Morant zurück.“ – Dieses System wurde über einige Jahrhunderte entwickelt und in der Yuan-Dynastie (1261–1368) vollendet. Danach spukt es weiter: der Leitbahnumlauf sei eine Erfindung von de Morant – wo doch das Konzept seit 2000 Jahren zum Kanon der TCM gehört.

Der Autor ist Leiter des „Deutschen Instituts für Traditionelle Chinesische Medizin“. Verschwiegen wird, dass dieses Institut aus nur einer Person besteht und bisher keine einzige wissenschaftlich anerkannte Arbeit publiziert hat.

Herr Lehmann praktizierte lange Zeit, was nicht schön ist, als Heilpraktiker und verdient seinen Unterhalt als Romanschriftsteller – eine Öffentlichkeitsarbeit, die der Berufsstand der Heilpraktiker nicht verdient hat, zumal er sich um die TCM ausgesprochen verdient gemacht hat.
Es verwundert allerdings, dass an sich seriöse Zeitschriften auf einen modernen Soulié de Morant hereingefallen sind.

Ich will nicht verhehlen, dass der Pressemann in mir ein wenig Schadenfreude verspürt, dass einer wissenschaftlich ausgerichteten Redaktion ein derart fetter Bär aufgebunden wurde.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/2010