EDITORIAL

Schon stratifiziert?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es ist nur konsequent, wenn die kausal-analytische medizinische Forschung, die sich immer weiter in die Krankheit hineinspezialisiert, wobei das kranke Individuum sozusagen immer mehr verallgemeinert wird und eigentlich mehr als statistische Größe zu Studienzwecken dient, wenn diese Forschung im Bereich der Gene auf so etwas wie „Individualität“ stößt. Und ebenso folgerichtig ist es – wenn man in diesem Denkschema bleibt –, von einer immer mehr „individualisierten Medizin“ und von einem sich anbahnenden Paradigmenwechsel zu sprechen.

Dennoch verbirgt sich dahinter ein tiefgreifendes Missverständnis, denn man reduziert die Individualisierung – wie bisher auch – lediglich auf eine Substanz, einen Substanzverlust oder eine Substanzveränderung, auch wenn es auf der molekularen oder genetischen Ebene geschieht.

Die medizinische Wissenschaft kann inzwischen in vielen Fällen erklären, warum ein bestimmtes Medikament bei einem Patienten wirkt und bei einem anderen nicht. Es liegt an den Genen. Die molekulare Biologie ist von Mensch zu Mensch verschieden, sodass ein Wirkstoff bei einem so, bei einem anderen anders und bei einem dritten überhaupt nicht wirkt.

Für die Naturheilkunde ist das ein alter Hut, und sie versucht in ihrem Lege-artis-Vorgehen diesem Problem mit der Individualisierung der kranken Persönlichkeit in ihrer Ganzheit zu begegnen – mit allen unterschiedlichen Symptomen unter Einbeziehung energetischer Verhältnisse und der geistig-seelischen Gesamtsituation sowie auch des sozialen Umfeldes. Inzwischen weiß man ja auch in der Wissenschaft, dass die Individualisierung nicht allein auf die Gene zurückzuführen ist, sondern auf den ständigen Kommunikationsprozess der vielfältigen Funktionsabläufe untereinander und dessen unüberschaubare kybernetische Steuerung.

Aus diesem Blickwinkel erscheint es – auch von der Logik her – gar nicht so abwegig, sich an dem zu orientieren, was sich einem als Mosaik an vielfältigen Erscheinungsformen einer kranken Persönlichkeit darbietet, wie das die Naturheilkunde versucht.

Die Betrachtung der Ergebnisse von Gendiagnosen kann allenfalls dazu führen, dass man Kranke mit gleichen oder ähnlichen Gensituationen zu Gruppen zusammenfasst – man nennt das „stratifizieren“. Wenn man dies so handhabt, werden vielleicht Tausende neuer Krankheiten ausdifferenziert, und die Gruppen werden z.T. ganz klein sein. Wird dann die Entwicklung solcherart spezifischer Medikamente noch finanzierbar sein? Auch steht die Wissenschaft sich ein wenig selbst im Weg, wenn sie wie gewohnt fragt: Wie kann die Wirksamkeit neuer Wirkstoffe bewiesen werden, wenn diese nur noch bei sehr wenigen Probanden getestet werden können? Darf man einem Patienten jegliche Therapie vorenthalten, weil die Tests zeigen, dass kein verfügbares Medikament wirksam sein wird? Ist die Typisierung von Patienten vielleicht rechtlich problematisch?

Allerdings hat die Diskussion die ethisch-rechtliche Ebene fast schon verlassen. Die Kosten werden zwischen Bangen und Hoffen diskutiert. Auch hat die Pfründendis­kussion bereits begonnen, wer denn diese komplizierte Medizin ausführen darf. „Nur große Organisationen können individualisierte Medizin verantwortungsvoll anbieten“, sagte ein Vertreter einer solchen.

„Gengruppe 3: Kabine 7, 8 und 9 bitte!“ – Individualisierte Medizin hatte ich mir immer ganz anders vorgestellt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/2010