EDITORIAL

Heute schon prokrastiniert?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

An sich ist uns Menschen ja nichts Menschliches fremd – auch nicht die Faulheit. In ihrer leichten bis mittelschweren Ausprägung mag sie zu unserem Leben gehören; beherrscht sie uns, zählt sie biblisch gesehen zu unseren Sünden, von denen man sich befreien sollte. Luther sah darin auch ein wenig den Teufel in uns und meinte, dass man sich davon reinigen müsse. Er nannte es: „den alten Adam wässern“ – also die Reinigung in der Taufe. Der gute alte Begriff Faulheit ist wie so vieles heute differenzierten wissenschaftlichen Betrachtungsweisen anheimgefallen, hinter denen der Teufel der Statistik herhechelt und neue Begrifflichkeiten auszuspeien versucht. Man kommt gar nicht umhin, wieder einen Großen aus der Vergangenheit zu zitieren, nämlich Goethe, der postulierte: „Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“ Und wer plustert sich mit dieser wunderbaren Gemeinheit in Fausts Studierzimmer mächtig auf? Mephisto, der Teufel – wer denn sonst?

Wovon reden wir? Man hat aus der Faulheit einen Spezialfall herausgebrochen und zum Gegenstand von Studien und wissenschaftlich-psychologischer Forschung gemacht: Prokrastination (von lat. procrastinare = auf morgen verlegen). An sich auch nichts Neues, denn der Volksmund warnt schon immer: „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ Das weiß jeder und tut es dennoch hin und wieder – wenn er ganz gesund und robust ist – mit Genuss oder – wenn er schon vom „Stress“ angekränkelt ist – mit einem furchtbar schlechten Gewissen, was sicher nicht gesünder macht. Unter dem Strich heißt es: „Wer systematisch seine Aufgaben und Pflichten vertagt, hat eine ernst zu nehmende Arbeitsstörung.“ Gleichzeitig wird prognostiziert: „Heilung ist möglich.“

Da der Naturheilkundler seine Patienten nie ohne den dazugehörigen psychologischen Hintergrund diagnostiziert, wird es ihn auch nicht verwundern, dass von dieser Prokrastination eher Schreibtischtäter mit intelligenten Arbeitsfeldern und Aufgaben betroffen sind. Andere, die das Wort nicht aus seinem Ursprung heraus verstehen und auch nur schwer aussprechen können, sondern handfesten Geschäften nachgehen, haben höchstens mal eine Aufschieberitis, seltener eine Aufschieberose.

Langzeitstudenten, die sich gedrängt fühlen, ihr Studium mal langsam zu beenden, scheinen am schlimmsten betroffen. Sie umkreisen ihren Arbeitsplatz, arbeiten sozusagen ganz fleißig um den Schreibtisch herum: beantworten Mails, surfen im Internet, oft mit Spielekonsole, putzen die Studentenbude, tapezieren, telefonieren. In einer Studie fand man unter 1000 Teilnehmern 20% heraus, die lieber putzen. Aber wie gesagt, wo ein Problem ist, gibt es auch eine versuchte Problemlösung: Kurse. Dort tastet man sich ganz ganz langsam ins Leben zurück. Zunächst darf man nur eine halbe Stunde pro Tag lernen, muss aber alles protokollieren. Dann wird gesteigert.

Man kann auch Verträge mit sich selbst abschließen, die gar nicht so billig sind. Wenn man sein Pensum nicht schafft, ist das Geld weg. Und am besten wirkt diese Methode, wenn das Geld nicht etwa für einen guten Zweck gespendet, sondern z.B. der amerikanischen Waffenlobby zur Verfügung gestellt wird. Denn man hat herausgefunden, dass eine Belohnung die Erfüllung der Aufgaben nicht so vorantreibt wie das Vermeiden eines Verlustes – noch dazu, wenn das Geld Zwecken zugeführt wird, die man unsinnig oder gemein findet.

Ach, ich merke gerade, dass ich dieses Editorial ja auch noch nächste Woche hätte schreiben können – naja, aber sonst hätte ich mich an die Steuererklärung machen müssen. Sollte ich etwa prokrastiniert haben? – Aber Spaß hat‘s gemacht.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2010