EDITORIAL

Umdenken tut not

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Seit Adam und Eva ihren paradiesischen Urzustand wegen der bösen, bösen Schlange aufgeben mussten, leben wir Menschen nicht mehr im Gleichgewicht permanent strotzender Gesundheit, sondern müssen uns mit gesundheitlichen Gleichgewichtsschwankungen abfinden, deren Amplituden und Schwankungsbreiten gelegentlich Größen annehmen, dass man für die vom Mittelpunkt des gesundheitlichen Ideals am weitesten entfernten Eckdaten ein neues Wort erfinden musste: Krankheit. So alt die Menschheit ist, so lange gibt es sie – so alt die Menschheit ist, so lange wird geheilt.

Obgleich die Krankheit einzelner Arten sicher als biologisches Regulativ in der Gesamtkybernetik der Natur und des Kosmos als fester Programmpunkt eingeplant ist, konnte sich die menschliche Rasse von jeher nicht auf eine absolute und unabänderliche Schicksalsgläubigkeit in diesem Punkt verständigen, sondern hat versucht, zumindest zu lindern oder zu verbessern, wenn möglich aber abzuändern.

Der unabänderliche Eckwert all dieser Bemühungen beschwörender, religiöser, erfahrungsheilkundlicher oder auch wissenschaftlicher Art blieb aber doch das letztendliche Sterbenmüssen. Der Erfolg, dieses Eckdatum zu löschen, blieb bisher allen heilerischen Bemühungen versagt. – Und das darf man wohl sagen, ohne sich einer zu leichtfertigen Hellseherei schuldig zu machen: Er wird es wohl auch in Zukunft bleiben.

Die Frage ist nun: Wie soll man das bewerten, was so zwischen Geburt und Tod an Bemühungen heilerischer Art liegt? Nimmt man den Erfolg als Messlatte? Die statistische Antwort auf die Frage, wer bei welcher Medizin am gesündesten ist? Jeder mag selbst beurteilen, wie wir in der Industriegesellschaft mit unserer staatlich verordneten, technisch perfektionierten Gesundheitsversorgung unter diesem Kriterium dastehen: eine technisch wissenschaftliche Medizin und ihre spannende Jagd nach immer neuen Erregern, die jedem Krimi zur Ehre gereichen. Und dann ihre auf er-kannte und gestellte Krankheitserreger folgenden Breitbandabtötungsexzesse, diese Orgien einer nekrologischen Medizin. Die mit dieser Medizin zunächst gestiegene Lebenserwartung wird halbwahrheitlich immer ein bisschen als wichtiger Schritt auf dem Wege zum Sieg dargestellt. Kötschau sagte: „Wir leben nicht etwa länger, wir sind nur länger krank.“

Messen wir die Medizin also an der humanen Komponente. Den Aspekt des Humanen durch unsere sich als angewandte Wissenschaft verstehende Medizin allerdings durchzuspielen, würde diesen Kommentar vollends zur Glosse ausufern lassen. Dazu brauchte man nicht einmal den Finanzierungsaspekt und die sich abzeichnende Mehrklassenmedizin zu bemühen.

Umdenken tut not – besonders im Bereich der chronischen Krankheiten, deren Grenzen zu einer humanen Pflege fließend sind. Hier darf man nicht die dürftige Messlatte des systemischen Bedarfs anlegen, ohne die millionenfachen individuellen Bedürfnisse sinnvoll zu integrieren. Man wird feststellen, was das „Lege-artis“-Vorgehen der Naturheilkunde weiß und schon stets wusste: dass die Bedürfnisse bei gleichen Krankheiten – falls es das überhaupt gibt – noch tausendmal unterschiedlich sind.

Wem sag ich das, wo Sie dieses doch täglich in Ihrer Praxis erleben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/2011