EDITORIAL

Vorfrühling

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

So spektakulär, abrupt und dynamisch, wie er sich in seiner Entwicklung zeigt, so fast unauffällig ist sein Beginn: der Frühling. Wenn der Schnee geschmolzen ist, bleibt alles zunächst in stumpfem Graubraun. Nichts Augenscheinliches geschieht. Aber eines Morgens riecht die Luft anders – eine Luft, die die sinnliche Wahrnehmung schärft. Wenn man genau hinhört, so gibt es Vogelstimmen, die am Tag zuvor noch unhörbar waren. Über Nacht hat sich etwas eingeschlichen, das uns die untrügliche Gewissheit vermittelt – nein, nicht, dass der Frühling nun da sei, keineswegs – aber dass der Winter verloren hat. Im ewigen Kreislauf der Natur vom Werden und Vergehen ist die Geburtsstunde des Neuentstehens eingeläutet. Oder, um es im Bild der chinesischen Vorstellung der fünf Wandlungen auszudrücken: Die Kälte hat das Regiment abgegeben und die Macht dem Wind überlassen müssen. Der Wind, der sich in dem irdischen Element Holz materialisiert, ist in einen Wandlungskreislauf der fünf Elemente eingebunden, deren hervorstechendstes Merkmal einmal das Erzeugen und das Erzeugtwerden ist und andererseits der zweifache Aspekt des Zerstörens und Zerstörtwerdens.

So hat alles Schöne der Jahreszeit auch seine Schattenseiten. Zum Positiven gesellt sich das Negative. Die pathogenen bioklimatischen Energien der Jahreszeit erzeugen ihre Krankheiten. Sicher gilt auch für diesen Aufbruch und Neubeginn der Natur die Binsenweisheit: Aller Anfang ist schwer. Im I Ging, diesem genialen Buch der Wandlungen, erscheint Dschun – die Anfangsschwierigkeit – als ein Zeichen, dessen Bedeutung ein aus der Erde hervorsprießendes Gras ist, das auf ein Hindernis stößt. Diese erste Begegnung zwischen Himmel und Erde ist mit Schwierigkeiten verbunden. Dschun ist zusammengesetzt aus Dschen, dem nach oben gerichteten Erregenden, und aus Kan, dem Abgründigen, Gefährlichen, dessen Bewegung nach unten geht. Geburt und Werden sind immer mit Schwierigkeiten verbunden, die nicht zu­letzt auch aus der Fülle all dessen entstehen, was in dieser Zeit heftigen Empordringens nach Gestaltung ringt. Der Erfolg in diesem Gestaltungsprozess wird mit dem Maßstab der Beharrlichkeit gemessen.

Das Empordringen – Scong – ist mit An­strengung verbunden und den Lebewesen, die dieser Anstrengung zu einem neuen Aufbruch nicht mehr gewachsen sind, droht die Gefahr, mit der wir Behandler im Frühjahr hauptsächlich bei älteren Patienten in unserer Praxis konfrontiert werden. Wer diesen Neu-Aufbruch aber durchlebt, dem bringt dieser Prozess des Wachsens eine schier unerschöpfliche Quelle der Vitalität und Kraft. Er wird in das Geheimnis eingebunden, das der Wind über Nacht mit sich bringt, wie Hugo von Hofmannsthal sein Gedicht „Vorfrühling“ ausklingen lässt:

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.
Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern nacht.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Vorfrühling.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/2011