EDITORIAL

Vati ist blau ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Jedes Ding hat seine Geschichte – ja, natürlich auch die Wissenschaft. Und die Wissenschaftsgeschichte ist zweifellos eine ganz besondere, und auch wenn sie das nicht gern hört, sie speist sich dennoch aus Erfahrung, Empirie und Hypothese und zwar mehr als ihr lieb sein kann. Wenn sie uns heute dennoch so experimentell und studienabgesichert entgegen tritt, müssen wir nicht hypnotisiert wie das Kaninchen auf die Schlange starren, weil diese Geschichte auch weitgehend eine von Irrtümern ist, was letztlich zu dem wunderbar menschlich relativierenden Satz geführt hat: Die Erkenntnis von heute ist der Irrtum von morgen. Hinzu kommt, dass jede Erkenntnis für uns ein Mehr an Erfahrung bedeuten kann, denn auch Erfahrung hört nicht auf, sondern ist ein ständig fortschreitender Prozess, der gar nicht zum Stillstand kommen darf, will er gültig und nützlich bleiben. Eine Tradition, die nicht gelebt und weiterentwickelt wird, taugt allenfalls fürs Museum.

Da gibt es einen Begriff, der hatte lange Zeit etwas Museales, weil er sich nicht so weiterentwickeln und erforschen ließ, wie das für unseren Erkenntniszugewinn vielleicht wünschenswert gewesen wäre: Die Synästhesie – sie hat eine merkwürdige Geschichte.

Alfred Vulpian, Neurophysiologe, suchte 1866 als erster nach einem Begriff, um die Empfindungen von Menschen zu beschreiben, die Zahlen, Buchstaben oder auch Töne vor dem inneren Auge stets mit einer bestimmten Farbe verknüpften. Da war die Sieben gelb und die Note f auf dem Notenblatt rot. Vulpian fand die Wortschöpfung aus dem Griechischen „syn“ für zusammen und „aisthesis“ für Wahrnehmung. Die „Synästhesie“ war geboren, und man konnte sich an ihre Erforschung machen. Nur war das gar nicht so einfach, zu vielfältig waren die Aussagen der Probanden.

Erst in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ging es durch die Hirnforschung und die funktionelle Magnetresonanztomographie voran. Man versuchte, den Nervenvernetzungen auf die Spur zu kommen. Man verglich in einer Studie je 24 Gehirne von Menschen mit synästhetischen Fähigkeiten mit solchen ohne. Das Ergebnis war verblüffend: Die Synästheten schienen ein komplett anderes Gehirn zu haben. Es ist wohl unterschiedlich aufgebaut und stärker vernetzt. Es gibt viel mehr zentrale Knoten, die mit anderen Regionen des Gehirns kommunizieren.

Die Verknüpfung von Buchstaben und Zahlen mit Farben und das Farbhören sind am häufigsten, aber inzwischen sind um die 40 unterschiedliche Formen der Verknüpfung bekannt – auch mit Personen und Farben: die Mutter ist gelb, der Vater blau. Auch die Partnerwahl ist dann von der verknüpften Farbe beeinflusst. Wer viel liest, entwickelt eher eine „Graphem-Farb-Synästhesie“, wer viel musiziert, eine „Ton-Farb-Synästhesie“.

Wie viele Synästheten es überhaupt gibt, kann man nur vermuten. Die meisten Synästheten wissen nicht, dass sie eine Synästhesie haben, weil es für sie selbstverständlich ist, dass Menschen Farben haben und Tonintervalle einen bestimmten Ge-schmack. – Ja, auch das gibt es.

Vielleicht sind wir ja alle der Synästhesie fähig und müssten sie nur trainieren. Vielleicht müssten wir dann allerdings wieder einmal unsere Vorurteile über Bord werfen, unser zur Eindimensionalität neigendes Denken zurücklassen und eine Mehrdimensionalität wagen. Für unser naturheilkundliches Denken an sich nichts Ungewöhnliches.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Juni.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2011