EDITORIAL

Psychosomatik

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Medizinen unterschiedlicher Kulturkreise haben Jahrtausende währende Entwicklungen hinter sich und stets spielte die Empirie dabei die Hauptrolle, bis schließlich das Phänomen der wissenschaftlichen Forschung hinzukam. Dennoch ging die Entwicklung relativ langsam weiter – sozusagen Schritt für Schritt.

Eine ganz andere rasante Entwicklung legte die Psychologie hin, die sich im 20. Jahrhundert zu einer ganz eigenen nichtsomatischen Medizin entwickelte. Dieser Tatsache wurde auch 1983 mit dem Bundesverwaltungsgerichtsurteil Rechnung getragen, das den Diplompsychologen mit Psychotherapie mangels eines Psychotherapeutengesetzes den Zugang zur selbständigen Ausübung der Heilkunde über das „Heilpraktikergesetz“ schuf, womit letzteres als das bis dahin unteilbar geltende Gesetz das erste Mal geteilt wurde.

Die somatisch ausgerichtete Medizin konnte schließlich gar nicht umhin, diesen stürmisch nach vorn drängenden Zweig der Medizin vermehrt zur Kenntnis zu nehmen, hatte sie doch längst vergessen, dass dieser ursprünglich ein fester Bestandteil der „traditionellen“ Medizin war, von dem man sich in stofflich-wissenschaftlicher Erkenntniseuphorie glaubte ohne Verluste für das Ganze trennen zu können. – Irrtum, aber wie korrigieren? Ganz einfach: Eins und eins ist zwei: Die „Psychosomatische Medizin“ war geboren. Man verleibt sich diese sogenannte psychologische Komponente ein und glaubt so, ohne „Gesichtverlust“ vor den Sündenfall der leichtfertigen Trennung zurück zu gelangen.

Man muss sicher der „psychologischen“ Therapie attestieren, dass sie diesen Schritt nicht ganz so locker sieht, sondern aufgrund von mehr Hintergrundschau durchaus bereit und in der Lage ist, die „Ganzheit“ vor der Trennung als etwas anderes zu sehen. Und als Naturheilkundler, der die Trennung nie vollzogen hat, fragt man sich natürlich auch, ob durch das Zusammenfügen zweier „Medizinen“ die „Ganzheit“ einfach und unbeschadet wiederentsteht, oder ob es sich um eine Art „second-hand-Ganzheit“ handelt, so wie der Dornauszieher in Kleists „Marionettentheater“ die Unschuld der totalen Grazie erprobt, indem er sozusagen versucht, von hinten herum zurück ins Paradies zu gelangen.

Darüber hinaus sieht ja die Wirklichkeit so aus, dass beide Medizinen trotz besseren Wissens in der Alltagsversorgung unseres Gesundheitssystems weiterhin getrennt agieren und fröhliche Urstände feiern. Hier wie dort gibt es auch innerhalb noch den Schulenstreit. Während es in der einen um die Machbarkeit und Finanzierbarkeit geht, macht man sich in der Psychologie Gedanken, wie man die zunehmenden Angstproblematiken und Phobien in unseren modernen Gesellschaften eventuell besser lindern kann: durch die Psychoanalyse oder vielleicht doch mit der kognitiven Verhaltenstherapie? Letztere ist auf dem Vormarsch und kann solide Erfolge aufweisen, besonders bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Bisher ging man davon aus, dass die psychische Verfassung vor dem Trauma die Schwere der Krankheit bestimmt. Doch kognitive Prozesse während und nach einem kritischen Ereignis sind offensichtlich viel entscheidener. Konflikte in der Vergangenheit scheinen nicht Kern der Angsterkrankung zu sein und treten nicht häufiger auf als bei Gesunden auch. Oft sind die Grenzen fließend zwischen gesund und krank, und da scheinen eine ganzheitliche Betrachtung und eine ungeteilte Zuwendung zu einer Persönlichkeit in ihrer Ganzheit keine schlechte Wahl zu sein.

In diesem Sinne

Herzlichst


Naturheilpraxis 07/2011