EDITORIAL

... der Dreh

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wenn einer gut drauf ist, geschickt und erfolgreich, kann man zuweilen mit unverhohlener Bewunderung den Satz hören: „Der hat den Dreh raus!“ Dieser Spruch ist unumwunden positiv besetzt. Also kam auch die heutzutage allgegenwärtige Werbebranche mit ihrer mehr oder weniger krampfhaften Kreativität an diesem Spruch nicht vorbei. Da gibt es Werbung für Forstmaschinen, die den Dreh raushaben, und man deutet deren Drehleistungen von Kreissägen an, da gibt es Werbung für Joghurts, von denen behauptet wird, dass deren Frischekick den Dreh raushätte, wobei man hier noch durchaus sinnvoll auf die rechtsdrehende oder linksdrehende Milchsäuere abheben könnte.

Und da sind wir schon bei einem interessanten Thema und der Frage, ob denn der Dreh, den einer raushat, in unserem Be­wusstsein und unserer Vorstellung ein Rechtsdreh oder ein Linksdreh sei?

Ob das einen Unterschied macht, wenn et­was rechts oder links herum gedreht wird, das hat natürlich auch neugierige Forscher der Kognitions- und Neurowissenschaften interessiert. Sie haben ahnungslosen Studienteilnehmern einen Drehteller mit Bonbons vorgesetzt und zwar einmal mit konventionellen Geschmacksrichtungen wie Apfel, Zitrone oder Kirsch und andererseits mit exotischen Aromen wie Popcorn, Marsh­mallow oder Melone. Wer den Drehteller nach rechts drehte, griff eher zu den unkonventionellen Geschmackssorten, wer ihn links herum drehte um an ein Wunschbonbon zu gelangen, griff eher zu den konventionellen Geschmacksrichtungen.

Genau das war die Hypothese der Wissenschaftler: Lust auf Neues, bei denen, die nach rechts gedreht hatten und umgekehrt. Grund dafür seien die Uhren und die damit verknüpfte Vorstellung von Zukünftigem und Vergangenem. „Menschen verknüpfen den Verlauf der Zeit eng mit räumlichen Vorstellungen, so eben auch mit der Drehrichtung, wie wir sie täglich auf Uhren und anderen Geräten erleben“, sagt das Forscherteam.

Das Drehen nach rechts, im Uhrzeigersinn, steht also für Zukünftiges und Offenheit für Neues. Wenn wir einen Lautstärkeregler nach rechts drehen, erwarten wir ein An­schwellen der Lautstärke. Eine Drehbewegung nach links, entgegen dem Uhrzeigersinn weckt offenbar Assoziationen an Vergangenes und Vertrautes in uns.

Die Wissenschaft interessiert nun, wie kulturelle und technische Konventionen und Gewohnheiten unbewusst unser Erleben und Empfinden beeinflussen. Die Drehrichtung hat wahrscheinlich nur deshalb eine so große Bedeutung, weil wir mit der Konvention und Symbolik der Uhr so vertraut sind, und diese auch gesellschaftlich für uns eine immer größere Rolle spielt.

Und um auf die Verwendung dieser Er­kenntnisse zurückzukommen in Bezug auf eine mögliche Steuerung von „Kunden“ und deren Erwartungshaltung, taucht ja auch die Frage auf, ob man evtl. Einfluss nehmen kann, wenn jemand durch eine rechtsdrehende Drehtür ein Hotel oder Kaufhaus betritt oder durch eine linksdrehende.

Man kann sich auch fragen, an welcher Seite die Eingangstür in unsere Praxis angeschlagen sein sollte, damit dann beim Öffnen ein Rechts- oder Linkdrehung entsteht – je nachdem, ob wir eher einen Patienten wünschen mit einer konventionellen Erwartungshaltung oder einen, der neugierig auf neue Therapien ist. Entscheiden Sie!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/2011