EDITORIAL

... Am Anfang war das Wort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wirft man der Schulmedizin den unmenschlichen Drei-Minuten-Takt bei der Patientenbehandlung vor, wird in aller Regel mit dem Argument gekontert, dass die viele Zeit allein, die man dem Patienten schenkt, ihn auch nicht gesünder mache.

Da es sich aber bei einer Krankenbehandlung zweifellos um ein Phänomen menschlicher Kommunikation handelt, gibt es sicher auch noch weitere Kriterien, an denen sich der oben erwähnte Unterschied abspiegeln lässt.

Es macht schon einen Unterschied, ob man sich bei einer Begegnung zunächst anschaut, die Hand drückt, beobachtet, empfindet, den Patienten in sich aufnimmt, seine Gestik und seine Dynamik auf sich wirken lässt, oder ob sich einem der Patient lediglich als „die Lunge Kabine 7“ vorstellt.

Das Problem unserer Zeit liegt darin, dass wir die Möglichkeiten neuer technischer Maßnahmen auch in Bereichen einsetzen, in denen der kranke Mitmensch zunächst einmal als solcher mit seinem ganzen sozialen Umfeld als Gesamtpersönlichkeit begriffen, empfunden und verstanden werden will. Und das Urkommunikationsphänomen der als intelligentes Wesen gemeinten Spezies Mensch ist die Sprache, das Wort. Erst sehr viel später entstand das Medium der festgehaltenen Sprache in Form der Schrift. Erst neueren Datums sind die rasanten Entwicklungen, die uns in ein weltumspannendes Informationszeitalter katapultiert haben.

Es steht außer Frage, dass ganz bestimmte Medien bestimmte Inhalte begünstigen. „Das Medium ist die Botschaft“, sagt Lewis Mumford. Allerdings sollte unstrittig sein, dass der Mensch ein Kulturwesen bleibt, zu dem das gesprochene Wort als Urkommunikation ganz entscheidend und prägend dazu gehört.

Ohne den Anflug einer konfessionellen Einengung unserer Gedanken ist doch der Beginn des Johannes-Evangeliums von einem tiefgreifenden und erschütternden Wahrheitsgehalt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Nichts kann so sehr Ausdruck von Kommunikation sein wie das gesprochene Wort.

Nicht zuletzt deshalb ist das ausführliche Gespräch zwischen Behandler und Patient, wenn man die Kommunikation als Grundlage einer naturheilkundlichen Behandlung akzeptiert, unentbehrlich. Und auf keine andere Weise kann man etwas erfahren über das Befinden des Patienten. Dieses „ausgesprochene“ Befinden kann zuweilen sogar das haargenaue Gegenteil von dem geschriebenen Befund sein. Das Geschriebene lässt Sprache als Kommunikation sozusagen erstarren, ihm fehlt die Zielgerichtetheit des Gegenübers, besonders wenn man an den Patienten denkt, der von „seinem“ Behandler einen geschlossenen Umschlag mit sich führt, dessen Inhalt er als zwar Betroffener – aber Unwissender – nicht kennen darf, sondern ungeöffnet mit sich trägt und den er lediglich seinem Nachbehandler überreichen soll.

Das geschriebene Wort ist nicht nur Information und Gedächtnisstütze für den eventuellen Nachbehandler, sondern es schafft in der „Objektivierung“ der Schriftsprache eine eigene Realität, die nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern auch eine dem Medium Schrift immanente eigene Botschaft weiterträgt. Nicht umsonst war der ägyptische Gott Thot, der König Tammuz die Schrift gebracht haben soll, auch der Gott der Magie. Das geschriebene Wort ist ein Austausch mit niemandem und jedem.

Unentbehrlich bleibt aber für den kommunikativen Prozess einer Behandlung das vertraulich und offen gesprochene Wort, welche technischen Hilfsmittel auch dann aus dem Erkenntnisgewinn des Kommunikationsprozesses zum Einsatz kommen mögen.

Ganz in diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine besinnliche und fröhliche Vorweihnachts- und Festzeit.

Pflaum Verlag und Redaktion bedanken sich für Ihre Lesetreue, und wir freuen uns mit Ihnen auf ein Neues Jahr 2012.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/2011