EDITORIAL

alles Glücksache ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Entweder man weiß, wo man ist, aber nicht wohin man geht, oder man weiß, wohin man geht, aber nicht wo man ist.“ Dies ist sicher eines der eingängigsten Beispiele für die Heisenbergsche Unschärferelation und es stammt aus dem wunderbaren Buch „Galileos Finger“ von Peter Atkins.

Uns ist Heisenbergs Formel eher geläufig aus unserem Denkmodell der Naturheilkunde, wonach die Ausdifferenzierung und genauere Betrachtung des einzelnen Details, je weiter sie vorangetrieben wird, den Blick für das Ganze und seine Zusammenhänge verstellt. Aber auch Atkins Beispiel bildet den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Medizin und Naturheilkunde ganz gut ab. Die Medizin will einen genauen Status über eine Krankheit erstellen, bedient sich dazu in der Diagnostik quantitativer Normkonventionen, wobei die Aussagen zur Prognostik eher aus Statistiken abgeleitet werden, während die Naturheilkunde die Krankheit eher als eine Entwicklung der Begegnung einer krankmachenden Ursache mit einer Persönlichkeit sieht und diagnostisch fragt, wohin die Reise wohl geht und wo man sich etwa gerade befindet. Die Betrachtung der Details sind in beiden Medizinen wichtig, aber mit unterschiedlichen Zielen, weil die Naturheilkunde auf der festen Überzeugung nach Aristoteles basiert, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile – und dass man bei der Diagnostik oder besser der fragenden Betrachtung die Geist-Körper-Seele-Trinität nie aus dem Auge verlieren darf.

Und so hat man sich bei der Erforschung eines ähnlich wichtigen Phänomens wie der Gesundheit des Menschen, nämlich dessen Glück, auch an Aritoteles angelehnt, indem der Glücksforscher Dr. Günter Niklewski postuliert: „Glück ist mehr als die Summe der angenehmen Gemütszustände“. Und vielleicht fallen ja bei der Erforschung des Glücks ein paar interessante Erkenntnisse oder neue Sichtweisen für das Phänomen Krankheit und Gesundheit dabei ab. Denn eines scheint wohl unbestritten zu sein, dass nämlich Glück viel mit dem individuellen Wertesystem zu tun hat. Je nachdem, in welches Wertespektrum man eingebunden ist – mehr religiös oder anders weltanschaulich – , bewertet man sein Glück evtl. unterschiedlich.

Der Mensch kann durchaus zu der Aussage finden, er sei glücklich, obwohl er krank oder behindert ist.

Auch dass der Mensch ein soziales Wesen ist, spielt in seine Glücksdefinition mit hinein, man vergleicht sich diesbezüglich gern mit anderen und erst, wenn man da gut abschneidet, ist man richtig glücklich. Montesquieu sagt: „Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten als sie sind.“

Der Einfluss materieller Gegebenheiten auf das Glückempfinden scheint kleiner zu sein, als man gemeinhin glauben möchte. Offensichtlich scheint das Sprichwort „Geld allein macht nicht glücklich“ nicht so ganz falsch zu sein, kommt es doch aus einer offensichtlich bescheidenen aber glücklichen Volksseele.

Auch die Glücksforscher kommen zu dem Ergebnis, dass wir nicht glücklicher werden, weil wir mehr produzieren und mehr verdienen.

Vielleicht brauchen wir ja ein neues Leitbild vom Wohlstand, vom Glück und der Lebensqualität. Und vielleicht ist der Glücksatlas der Deutschen Post, der statistische Auswertungen von Befragungen bietet und ein Bundesländer-Ranking aufstellt, gar nicht so abwegig, wie er zunächst erscheinen mag, wenn man ihn das erste Mal in die Hand nimmt.

Eines ist klar: Wir müssen über die zunehmenden sogenannten psychischen Störungen, die unser jetziger Gesellschaftsentwurf erzeugt und auf den die Medizin anscheinend in der Summe nur eine pharmazeutische Antwort hat, nachdenken, damit unsere Lebensquellen und unsere kreativen Schöpfungskräfte nicht versiegen.

Ein bisschen „Balsam für die Seele“ tut uns gut und stärkt uns.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/2012