EDITORIAL

Alles perfekt – oder? ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Alles oder Nichts! – nur ein Spiel? Oder doch vielleicht unbewusst tragische Symptomenbenennung für hochexplosive soziologische Entwicklungen unserer modernen Wohlstandsgesellschaft? – Perfektion als Zielvorstellung, missverstandene Vollkommenheit?

Wenn man nicht alles hat, dann ist alles nichts. Traurige Wahrheit steckt hinter der salopp-sarkastischen Schnodderichkeit: „Lieber schön, reich und gesund als arm, krank und häßlich.“ Das beflissene Lachen über die vermeintliche Pointe bleibt einem ein wenig im Halse stecken und provoziert unmittelbar die Frage, warum man darüber gelacht hat. Hier wird nicht mit Entsetzen Scherz getrieben, nein, schlimmer: mit der Wahrheit. Spielerisch intellektuelle Analyse oder sogenannter schwarzer Humor können über so eklatant gefährliche Fehlentwicklungen in der Denk- und Lebensweise des Menschen nicht hinwegtäuschen.

Noch so intelligente Atomisierung bringt keinen Nutzen, wenn sie nicht zu Einsicht, Erkenntnis und Veränderung im Sinne einer Umkehr führt, sondern sie bleibt als oberflächlich tragikomische Spielerei nur allzu logische Ausdrucksform der gerade zu beklagenden Umstände. Das Netz des Perfektionismus, in dem wir zappeln und uns mehr und mehr verfangen, wird gebildet aus den unseligen Verknüpfungen unterschiedlichster Qualitäten und Eigenschaften aus allen Lebensbereichen. Es wird suggeriert, dass wir alles haben und besitzen können. Bis dahin geben wir keine Ruhe, bis dahin ist alles nichts.

Unsere gesellschaftliche Entwicklung hat einen Gegenstandskatalog erstehen lassen, in dem sich zwei Spalten – die mit positiven und die mit negativen Eigenschaften – gegenüberstehen und an deren positiver Spalte der angeglichen „gesunde“ Bürger herumturnt wie an einer Sprossenwand und sich mit aller Kraftanstrengung per Klimmzug die nächste Sprosse erobert. Nur der Perfektionist kommt oben an, weiß allerdings nicht mehr, warum er sich hochgezogen hat.

Warum setzt unsere Gesellschaft diesem Menschen so sehr zu, dass er endlich auch reich zu werden hat, sich durch sein Streben nach Reichtum unglücklich macht und evtl. krank? Wenn man boshaft sein wollte, könnte man sagen, dass das den Vorteil hätte, dass er nun endlich therapiert werden könnte, aber die untendenziös logische Schlussfolgerung ist doch, dass der Druck einer Gesellschaft, die der Fiktion des Perfektionismus nachhechelt, diese allmählich in eine Gesellschaft von Patienten verwandelt. – Eine Behauptung, die, so könnte man meinen, auf einer äußerst kühnen Gedankenkonstruktion fußt. Leider aber zeigt ein Blick in die Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens, dass diese (zufällig?) mit dieser so kühnen These nahtlos übereinstimmt.

Die Zielvorstellung der Perfektion hat sich bei Patient und Behandler gleichermaßen im Kopf festgesetzt. Der Mensch ist eben nicht immer nur glücklich, sondern auch manchmal traurig und verzweifelt – Seelenzustände, die uns die Natur schenkt, damit wir im Kontrast das Glück nur umso deutlicher empfinden können.

Die Natur gönnt uns diese Pausen. Es ist ein unglückliches Missverständnis, diese Atempausen mit Pillen wegtherapieren zu wollen. Warum dürfen wir nicht auch einmal traurig sein, verzweifelt, krank? Warum sollen nicht auch einmal Mangelsituationen unsere menschliche Entwicklung vorantreiben? Warum sollen die Kinder keine Kinderkrankheiten mehr haben? Warum ist der Wohlständler unserer Tage gleich immer vernichtend in seiner Existenz getroffen, wenn er in einem Punkt dem Anspruch des perfektionistischen Dogmas nicht genügt?

Es wird sicher auch in Zukunft eine wichtige Aufgabe der Naturheilkunde bleiben, sich für einen Weg abseits der Perfektion zu mehr Natürlichkeit und somit Menschlichkeit zu engagieren.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2012