EDITORIAL

„Imaginary companions“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“

Schillers Wallenstein, der gern den nächtlichen Sternenhimmel betrachtete und sein zukünftiges Schicksal daraus zu lesen suchte, stieß diesen tiefsinnigen Satz fast wie einen Seufzer hervor, der in unserem Sprachraum zum geflügelten Sprichwort heranwuchs. Er, der Feldherr, der einen Konflikt mit Waffen auszutragen hatte, muss wohl vage geahnt haben, dass so mancher Konflikt auf dieser Welt auf einem Missverständnis beruht. Und das gilt ganz besonders für die persönlichen Konflikte, die oft nur auf unterschiedlichen Meinungen, Ansichten und Vorstellungen basieren und sich praktisch zum Konflikt „verpersönlicht“ haben und dann selbst rational auf vernünftige Weise fast unlösbar erscheinen.

Nun, in dieses Phänomen spielt eine ur­menschliche Fähigkeit hinein, nämlich jene zur Imagination, die sich in den Jahrmillionen unserer Evolution immer weiterent­-wickelt hat und von der wir ganz enorm profitiert haben. Niemand wird ernsthaft daran zweifeln, welche Vorteile es hat, sich vor seinem inneren Auge etwas vorstellen zu können. Aber dafür müssen wir eben auch einen Preis zahlen, nämlich den, dass wir alle anfällig für falsche Realitäten sind. – Und diese Tatsache dürfte reichlich Konfliktpotential enthalten, und, was in Gedanken leicht beieinander wohnte, könnte sich dann durchaus hart im Raume stoßen.

Die Grenzen zwischen Vorstellungen, Imaginationen, Imaginärem bis hin zu Halluzinationen sind fließend und durchaus nicht unbedingt und immer ein Diagnostikum für Schizophrenie.

Für Oskar Wilde waren Halluzinationen Bilder, die das Gehirn aus sich selbst heraus produziert, und zur Entwicklung der Kinder scheinen sie zuweilen dazuzugehören: Sie wachen aus dem Schlaf auf und finden sich statt in der realen Umgebung in einer Art Traumwelt. Auch einer von hundert Erwachsenen, so schätzt man, kennt dieses Phänomen, ohne dass es sich um ein Krankheitszeichen handelt. Der Göttinger Neuropsychologe Erich Kasten drückt es so aus: „Der Traum tanzt als vermeintliche Realität draußen in unserem Blickfeld herum. Die echte Welt wird entweder gar nicht wahrgenommen oder in den Traum mit eingestrickt. … Natürlich können Menschen mit Psychosen fest mit solchen Wahrnehmungen rechnen. Aber psychisch gesunde Menschen haben sie eben auch. Mit dem Unterschied, dass sie hinterher wissen, dass das nicht real gewesen sein kann.“

Für Kinder mit imaginären Freunden scheint zu gelten, dass diese wie Lernprogramme für Ich und DU funktionieren, wie Vorlagen, mit denen man die Grenzen zwischen sich und der äußeren Welt ausloten kann.

Durch systematische Studien geht man heute davon aus, dass Halluzinationen weit häufiger sind als bisher angenommen. Und je fließender die Grenzen zwischen den Vorstellungswelten und den krankhaften Halluzinationen sind, desto undurchsichtiger werden wohl auch die Hintergründe von Konfliktpotentialen, denen man dann mehr oder weniger „hilflos“ ausgeliefert sein kann.

Mehr Aufklärung könnte Erleichterung bringen – bis dahin gilt der respektvolle und vorsichtige Umgang mit eventuellen „Konfliktgegnern“ aufgrund von unterschiedlichen „Vorstellungen“.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/2012