EDITORIAL

„Placebo – Nocebo...“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Kaum ein Wort muss so oft in unterschiedlichen Begrifflichkeiten als Argument und auch als Waffe herhalten wie das Wort Placebo, obgleich es ja übersetzt heißt „ich werde gefallen“. Jahrzehntelang war es das scharf geschliffene Schwert der sogenannten Schulmedizin, mit dem sie den „gordischen Knoten“ der Naturheilkunde und hier speziell der Homöopathie, in der doch „nichts drin ist“, zerschlug: „Alles nur Placebo!“

Aber man musste sich dennoch immer wieder mit dem Placebo befassen, allein schon, weil man es bei der wissenschaftlichen Entwicklung von Arzneien in deren Doppelblindstudien brauchte, um neuentwickelte Medikamente gegen Placebo zu prüfen. Auch da machte sich das Placebo oft unbeliebt, weil es zuweilen hervorragend wirkte und die Verum-Gruppe nur eine ungenügende Signifikanz erreichte – ganz zu schweigen davon, dass das Placebo in einzelnen Fällen auch schon einmal besser wirkte als das Prüfmedikament. Das ist ärgerlich: so viel Geld reingesteckt und dann sowas.

An der Basis, also in der täglichen Praxis, denkt man ohnehin pragmatischer über medizinische Prozesse und niemand, der mit Patienten umgeht, kann leugnen, dass so etwas wie die „Droge Arzt“ im Krankheitsverlauf mancher Patienten zu beobachten ist, die nicht zuletzt auf das Behandler-Patientenverhältnis zurückzuführen ist.

Natürlich blieb das selbst der psychologischen Forschung nicht verborgen, die darin auch wieder einmal eine Bestätigung für ihre Daseinsberechtigung sah. Die Literatur zu „Placebo“ ist inzwischen kaum mehr überschaubar. So ist es nicht verwunderlich, dass die „Deutsche Forschungsgemeinschaft“ mehrere Forschergruppen fördert, die sich mit den Auswirkungen von Arzt-Patientengesprächen befassen, deren Produkt ja sozusagen das Placebo sein kann. Man sagt, dass ein Patient mit einer positiven Erwartungshaltung eine stärkere Besserung seiner Symptome erleben kann. Verheißungsvolle Mittel wirkten selbst dann, wenn sie eigentlich keine pharmakologische Wirkung haben.

Das Placebo (ich werde gefallen) ist offensichtlich so etwas wie die Shen Te in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“. Aber da ist eben auch ihr 2. ICH, der böse Vetter Shui Ta, mit dem man sich ebenfalls wissenschaftlich befasst: nämlich das Nocebo – ich werde schaden.

Im Gegensatz zum Placebo-Effekt greift sein böser Zwilling dann, wenn wir etwas Schlechtes erwarten – und das nicht zu knapp. Da gibt es die Geschichte eines Amerikaners, der wegen seiner scheinbar unbehandelbaren Depressionen an einer Studie teilnahm. Zu Beginn ging es ihm sofort besser. Durch einen Streit mit seiner Freundin verfiel er wieder in tiefste Depressionen und versuchte sich umzubringen, indem er alle 29 restlichen Pillen aus der Studie schluckte. Er schien dem Tode nahe und auch in der Notaufnahme konnte man seinen Kreislauf nicht stabilisieren, nichts half. Doch dann wurde er urplötzlich geheilt. Man fand heraus, dass er zur Placebo-Gruppe der Studie gehörte. Er hatte also nichts weiter als 29 Zuckerpillen geschluckt. Als der junge Mann dies erfuhr, war er sozusagen schlagartig gesund.

Unter dem Aspekt dieser Erkenntnisse der Wirkung von Placebo und vor allen Dingen Nocebo sollte man einmal die Beipackzettel und auch die sogenannten Aufklärungsgespräche vor medizinischen Eingriffen gründlich durchforsten.

Da lobe ich mir doch das Patienten-Behandler-Gespäch, wie die Naturheilkunde es vorsieht.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/2012