EDITORIAL

„Vivat Ambrosia ??? ...“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Mobilität ist heute etwas völlig Normales. Wo es noch schön regional zugeht, wird z.B. von der Arbeitswelt mehr Mobilität und Flexibilität eingefordert. Irgendwie wird, wer zu sesshaft ist und sich nicht genügend bewegt, ein wenig in die rückschrittliche Ecke gedrängt. Ab einer gewissen Position fliegt man sowieso andauernd in alle möglichen Ecken des Globus, damit die weltweiten Geschäfte weiter blühen und gedeihen. Es soll auch gar nicht in Abrede gestellt werden, dass die Global Player eine gewisse Beweglichkeit mitbringen müssen.

Es soll hier aber auch einmal die Frage aufgeworfen werden, ob denn die Gesamtentwicklung unserer Natur überhaupt schon so weit fortgeschritten ist, dass wir die Rahmen unserer jeweiligen Regionalität beliebig sprengen können, ohne dass dies für unseren Lebensraum so tiefgreifende Veränderungen mit sich bringt, die uns selbst – als in den gesamten Kreislauf der Natur integrierte Wesen – aus diesem „ausspeihen“. Wir reden hier gar nicht einmal von den täglich und vergeblich warnend durch unsere Medien gezogenen Klimakillern.

Es geht um die vielen Pflanzen und Tiere, die mit den weltweiten „Güterverkehr“ per Schiff oder Flugzeug aus ihrer Regionalität herausgerissen und in für sie fremde Biotope eingeschleppt werden. Eventuell passen sie da zuweilen gar nicht so gut hinein und können ihre neue Heimat als ebenfalls gewachsenes regionales Biotop völlig durcheinanderbringen. Zunächst mag dieses Phänomen vielleicht eine geraume Zeit unbemerkt bleiben, aber dann kann ein Einfluss daraus werden, der immer stärker und unumkehrbarer wird.

Gerade werden solche Prozesse kritisch in den Medien beleuchtet. Da stehen die sich vehement ausbreitenden Ambrosia-Arten auf der Tagesordnung ebenso wie Strategien zu ihrer Vernichtung. In der Tierwelt geht es um diesen sehr durchsetzungsfähiger Marderhund. Solche Prozesse einer vehementen Ausbreitung werden begünstigt, weil die „Einwanderer“ hier in unserem gewachsenen Biotop zunächst keine natürlichen Feinde haben.

Dennoch muss man hinterfragen, ob es sinnvoll erscheint, wenn der Mensch in diesen Prozessen Partei ergreift. Seine „Regulierungsmaßnahmen“ erscheinen erfahrungsgemäß fragwürdig.

Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl zeigt in seinem neuen Buch „Wandernde Pflanzen“ eine sympathische Gelassenheit gegenüber solchen Prozessen und nennt die Neophyten zwar die „stillen Eroberer“, sieht sie gleichwohl als eine positive Bereicherung unserer Umwelt und die Probleme bei ihrer Einbürgerung als vorübergehende. Irgendwann gehören sie alle zu uns – halt mit einem Migrationshintergrund. Dass in Übergangszeiten die Artenvielfalt leidet, bis sie sich wieder ausdifferenziert, liegt wohl in den Prozessen selbst begründet. Die Biotope unserer Erdteile scheinen offenbar – bei allen unterschiedlichen Klimabedingungen – näher zusammenzuwachsen. Vielleicht mag das ja sogar ein naturheilkundlicher Prozess sein.

Hoffen wir für uns selbst, dass die Gattung Mensch noch recht lange in diese Prozesse integriert sein darf.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2012