EDITORIAL

„Lesesucht... ?“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

In unserer Oktoberausgabe hatten wir an dieser Stelle versucht, uns mit den neuen Medien unseres virtuellen Zeitalters auseinanderzusetzen, Nutzen und evtl. Schaden abzuwägen und uns insofern ein wenig in die kritische Debatte über internetsüchtige Zeitgenossen einzuklinken, besonders unter der Schülergeneration. Das Thema scheint sehr aktuell zu sein, denn es wird streitbar verhandelt und wir hatten ein deutliches Echo. Wie kann es anders sein, dass diejenigen, die noch ohne die Segnungen von Computer & Co auskommen mussten, eine eher kritischere Stellung beziehen als die, die in diese Welt hineinwuchsen. Hat vielleicht alles auch ein wenig damit zu tun, dass im Menschen mit den Jahren das Beharrungsvermögen eher zunimmt – begleitet von einer liebenswerten leicht sozialromantischen Rückwärtsgerichtetheit? Sicher – oder besser: sicher auch!

Kritische Beobachtungen dieser Entwicklungen unserer Medien in den Jahrzehnten der letzten beiden Jahrhunderte hat es viele gegeben, wenn man nur an das amüsante Buch von Neil Postman „Wir amüsieren uns zu Tode“ denkt – mit dem Untertitel „Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“. Postman subsummiert: „Das Medium ist die Botschaft“ – eine sowohl für die Medien als vor allen Dingen für die Botschaften brisante Einschätzung. Und wir staunen ja heute manchmal nicht schlecht, was so mit Botschaften in bestimmten Medien passiert.

Liegt eigentlich alles daran, dass das Neue zunächst stets in der Gefahr steht, abgelehnt zu werden?

Da wird nun heute beklagt, dass das viele Internet-Surfen dazu führe, dass zu wenig gelesen wird. Dass etwa zu viel gelesen wurde, war solange kein Problem, bis Gutenberg die Druckkunst erfunden hatte.

Aber dann? Als ausgangs des 18. Jahrhunderts die Buchproduktion erblühte, wurden allenthalben die Kulturpessimisten auf den Plan gerufen, besonders gegen die sogenannte „Romanleserey“ speziell von Frauen, die sich in Liebesromanen hinwegträumten und dabei evtl. noch ihr Mieder leicht lockerten, statt am Herd ihre Arbeit zur Versorgung des Mannes zu verrichten. Da sprach man auch schon von Sucht – nämlich von „Lesesucht“. Der Pädagoge Karl G. Bauer ließ sich über die verderblichen Folgen des Buchgenusses aus: „Der Mangel aller körperlicher Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen führt zu Schlaffheit, Verschleimungen, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden…“

Der Publizist Heinzmann beklagte 1795: „Solange die Welt stehet, sind keine Erscheinungen so merkwürdig gewesen als in Deutschland die Romanleserey, und in Frankreich die Revolution.“ Und ein Zeitgenosse stimmt ein: „Ein Buch lesen, um bloß die Zeit zu tödten“, sei „Hochverrat an der Menschheit, weil man ein Mittel erniedrigt, das zur Erreichung höherer Zwecke bestimmt ist.“

Hier wird also nach Postman sehr differenziert beklagt, dass das Medium Buch eigentlich zu schade für Romaninhalte sei. Heute wäre man froh, wenn die Leute mehr Romane lesen und ihre Phantasie anregen würden, anstatt ständig vor dem Fernseher oder dem Laptop zu „hängen“. Man könnte ja glatt daraus schließen, dass unsere Medien sich einmal um ihre Inhalte kümmern sollten. Ich meine, unsere Medien würden durchaus auch mehr niveauvollere Botschaften aushalten.

In diesem Sinne: Redaktion und Verlag bedanken sich bei Ihnen, verehrte Fachleserschaft, dass Sie uns auch in diesem Jahr die Treue gehalten haben. Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2013.

Wir als Mitarbeiter des Richard Pflaum Verlages freuen uns ganz besonders, dass wir in dieses neue Jahr gemeinsam mit unserer neuen Verlegerin, Edith Laubner, hineingehen, lesen Sie dazu Seite 1281.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/2012