EDITORIAL

Der Jungbrunnen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Als 1513 der spanische Konquistador Juan Ponce de Leon auf seiner Expedition nach Florida unterwegs war, suchte er unter anderem – allerdings vergeblich – nach einem Jungbrunnen, der sich Gerüchten zufolge auf einer Insel Bimini befinden sollte. Er fand ihn offensichtlich nicht, denn nachdem er Florida kolonialisierte, wurde er bei einem Angriff Einheimischer von einem giftigen Pfeil getroffen, woraufhin er nach Havanna zurückkehrte und starb.

Er war nicht der Erste, der diesen Menschheitstraum ganz konkret entdecken wollte. Die Suche nach der Quelle ewiger Jugend gibt es wohl schon, seit die Menschheit aus dem Paradies in die Regionen der Sterblichkeit verstoßen wurde. Auch im Orient kannte man schon sehr früh den Traum von der Unsterblichkeit, besonders in der syrischen Literatur – einem Land, in dem gerade jetzt mehr gestorben wird, als es bei normalen Lebensverhältnissen vorgesehen ist.

Schließlich wurde das Thema Jungbrunnen in der Kunst vielfältig durchgespielt; man denke nur an das Gemälde von Lukas Cranach dem Älteren aus dem Jahre 1546, wo Frauen auf der einen Seite ins Wasserbecken gehen und auf der anderen Seite dem Becken verjüngt wieder entsteigen. Noch deutlicher zeigt es eine Abart des Jungbrunnens, die „Weibermühle von Tripstrill“ , wo sich alte Frauen auf der einen Seite mühsam eine Treppe hochquälen, in einem Trichter steigen, von einem großen Schaufelrad anständig durchgeschleudert werden und unten dann als quietschvergnügte Jungfrauen wieder „ausgespuckt“ werden.

All diese Spielarten werden als amüsantes Kulturgut erheitert betrachtet und mit einem Schmunzeln quittiert. – Aber ist damit der Traum vom Alter als einem Prozess des Immer-Jünger-Werdens heute ausgeträumt? Wenn man denen zuhört, die Anti-Aging verkaufen, natürlich nicht – wobei man dieses Bemühen auch als eine letztlich begrenzte Möglichkeit begreift.

Aber da ist ja immer noch die ernstzunehmende wissenschaftliche Medizin, die diesen Faden mehr oder weniger regelmäßig aufnimmt. Jetzt hat man wieder einmal so einen Zipfel ergriffen und versucht daran die grundsätzliche Möglichkeit längeren Lebens anzuknüpfen. Die Tatsache, dass heute 90 Prozent der Menschen – zumindest bei uns hier – am Alter sterben, hat zu der Frage geführt, warum man denn nicht das Altern selbst – wie eine Krankheit – medizinisch bekämpfen sollte. Jeder sieht ein, dass Forschungsgelder zuerst in die Erforschung von Herz- und Krebsmitteln fließen. Aber man kann natürlich auch fragen, welcher medizinische Durchbruch würde am meisten dazu beitragen, unser Leben zu verbessern?

Altersforscher Aubrey de Grey bringt es auf den Punkt: Es mache keinen Sinn, die überwiegende Mehrheit unserer medizinischen Ressourcen für den Kampf gegen Alterskrankheiten auszugeben, ohne das Altern selbst zu bekämpfen, und er glaubt, im nächsten Jahrzehnt könne bereits der geringfügigste Fortschritt in diesem Bereich zu einer dramatischen Verlängerung der menschlichen Lebensspanne führen.

Wollen wir uns aufraffen, diese Illusion in uns wachsen zu lassen, wo wir doch mit zunehmendem Alter gerade beginnen, Einsicht in die Endlichkeit unserer materiellen Existenz zu gewinnen. Als Naturheilkundler müssen wir diesbezüglich in erster Linie natürlich die Sinnfrage stellen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/2013