EDITORIAL

... Aberglauben?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wenn einem eine schwarze Katze von links über den Weg läuft, ist das prognostisch schon recht ungünstig, aber wenn es auch noch Freitags an einem 13. passiert, dann ist alles zu spät, dann hilft nur noch Eines: dreimal auf Holz klopfen und den Glücksbringer ganz fest in die Hand nehmen.

Wir wollen nicht lange drum herumreden: Hier handelt es sich um eine vielgeübte Form von Aberglauben. Zuweilen stutzt man bei diesem Wort: heißt das etwa „nicht wissen, aber glauben“? – Nun, ein Teil von „nicht wissen“ steckt ja schon in „glauben“ allein. Man sagt: „Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, es ist so und so.“

Wie stets ist ein Blick in die Geschichte erhellend: Der Aberglauben hat seine Wurzeln in unserem religiösen Kulturgut, unserem christlichen Glauben, und das „aber“ heißt und bedeutet einfach „verkehrt“ glauben, z.B. an die Magie, wobei eine magische Komponente auch noch in der spielerischen Form unseres „Alltagsaberglaubens“ steckt. Man belächelt den Aberglauben, aber man ist auch ganz froh, dass Flugzeuge keine 13. Reihe haben.

Der Aberglauben ist übrigens ein weltweites Phänomen, auch wenn die Symbole und Requisiten, die durch die unterschiedlichen Kulturen herausgebildet wurden, völlig andere sind. Der Aberglaube scheint wohl ein Vehikel zu sein, die Welt berechenbarer zu machen. Der amerikanische Psychologe Stuart Vyse schreibt in seinem Buch „Die Psychologie des Aberglaubens“: „Die Folgen unseres Handelns mögen erfreulich sein, traurig oder keines von beiden. Vorhersehbar sind sie jedenfalls nicht.“ Die menschliche Erfahrung zeigt, dass man mit der Unberechenbarkeit leben muss. Im Positiven mag das ja ganz angenehm sein, wie die freudige Überraschung durch den unerwarteten Besuch eines geliebten Mitmenschen, aber die Erwartung negativer „Überraschungen“ in größeren Dosen kann sich durchaus zur Bedrohung auswachsen. Aus diesem Grund haben wir im Laufe unserer Evolution Mechanismen herausgebildet, die versuchen, die Welt so verständlich und vorhersehbar wie möglich – wenn auch nicht zu machen – so doch wenigstens erscheinen zu lassen. Unser Gehirn sucht permanent nach erhellenden Mustern und kausalen Zusammenhängen und das natürlich umso stärker, je unsicherer und bedeutsamer eine Situation ist oder erscheint. Nicht selten freilich führt uns unser sinnsuchendes Gehirn in die falsche Spur, so dass wir rein zufällig auftretende Begebenheiten als Ursache-Wirkung-Beziehung „erkennen“. Dieses ist natürlich keine Plattform für rationale Entscheidungen. Es handelt sich schlicht und einfach um eine glatte Wahrnehmungstäuschung. Dieses magische Denken lässt sich im Menschen offenbar leicht provozieren.

Natürlich hat man dieses Phänomen als Forschungsansatz verwendet. Man hat zwei Probandengruppen Tafeln mit weißen und schwarzen Punkten, die zum Teil Bilder ergaben, vorgehalten und siehe da: Die zuvor verunsicherte Gruppe sah in den Punkten weitaus mehr Bilder als überhaupt da waren. Es entsteht wohl eine Art „Kontrollillusion“, um Sicherheit und Überblick zu gewinnen.

Eine ähnliche Illusion entsteht auch dadurch, dass unser Gehirn gleichzeitig auftretende Ereignisse als kausal zusammenhängend speichert.
Wir kennen diese Phänomene aus der Praxis. Oft ist man versucht zu fragen: „Was war gestern?“ Aber wir wissen aus der Erfahrung, dass die hilfesuchende Persönlichkeit das Ergebnis einer langen Entwicklung sein kann, die zu diesem Punkt geführt hat.

Ich wünsche Ihnen einen schönen winterlichen Februar.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/2013