EDITORIAL

... Science-Fiction – oder?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ganz zur schwärmerischen Verherrlichung der Vergangenheit und zur unkritischen rosaroten sozialromantischen Rückwärtsgerichtetheit passt die eher skeptische Beurteilung der Gegenwart, weil man nie so richtig zufrieden ist – und weh, wenn man dann auf die Zukunft zu sprechen kommt: Dann hagelt es nur so von Untergangsszenarien und Katastrophenprognostik. Unterhaltungen über die Inhalte sind düster, die Stirnen werden bedeutungsvoll in Falten gelegt – sorgenvolles Kopfschütteln. Wenn es um die Zukunft geht, kann jeder etwas Negatives dazu beitragen, jeder hat sozusagen einen Schuss frei, weil das, was er sagt, schlechterdings nicht nachprüfbar ist. Und je weiter in die Zukunft diskutiert wird, desto weniger kann man für seine furiosen Zukunftsbehauptungen zur Rechenschaft gezogen werden, weil man dann aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lebt.

Bücher über den Weltuntergang gibt es wie Sand am Meer, sie werden begierig gelesen, und wir genießen die kalten Schauer, die sie uns in gut geheizten Zimmern sitzend den Rücken herunterlaufen lassen. Mit zunehmendem Alter scheint man zukunftsscheu zu werden.

Einstein postulierte hingegen: Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben. Und es ist verblüffend, wenn da plötzlich Optimisten sich des Themas annehmen. Der Starphysiker Michio Kaku hat in seinem Buch „Die Physik der Zukunft“ auf 600 Seiten 300 Wissenschaftler und Forscher befragt, die auf Gebieten wie Biologie, Medizin, aber auch Raumfahrt, Nanotechnologie und künstliche Intelligenz führend sind, wie diese sich die Zukunft vorstellen. Und sie alle haben durchweg positiv geantwortet. Kaku hat genau studiert, welche Vorhersagen vor 50, 70 und 100 Jahren gemacht wurden und welche davon eintrafen. Und es lagen die Forscher richtig, die bereits bestehende Techniken in die Zukunft fortgeschrieben hatten.

Die Medizin forscht intensiv an zukunftsträchtigen Lösungen, u.a. an der Anregung des Selbstheilungsprozesses von Zellen, an einer gezielten Aktivierung von Genen, die den Alterungsprozess verlangsamen und – man staune – an einem gesünderen Lebenswandel (daran könnte es scheitern). Aber der US-Gen-Pionier J. Craig Venter ist in seinem Optimismus ungebrochen und sagt: „Wenn die Menschen im Besitz ihres Genoms sind, übernehmen sie die Kontrolle über ihr Leben.“

Auch für die Energiefrage zeichnen sich nach Kaku Hoffnungen ab: Mitte des Jahrhunderts sieht er die Probleme technisch lösbar durch eine Mischung aus Sonnenenergie, erneuerbaren Energien und Kernfusion, deren Antrieb Wasser ist.

2013 wird der größte Teil der Menschheit an das Internet angeschlossen sein und damit Teil eines universellen Kommunikationsnetzes und des größten Wissensspeichers aller Zeiten. Eines allerdings lässt sich technisch nicht herstellen: menschliche Vernunft, und ausgerechnet die müssen die Menschen zum Gelingen selbst mitbringen, ansonsten bleibt es dabei, dass aus Zukunftsvisionen Zukunftsillusionen werden. Die Kritiker haben denn auch Kakus Buch in ihren Rezensionen überwiegend als „naiven Optimismus“ abgetan – besonders in Deutschland, wo man doch eher und lieber zum „naiven Pessimismus“ neigt.

Wenn wir die Sinnfragen in Zukunft mit menschlicher Vernunft und gesundem Menschenverstand angehen, mag es stets menschengerechte Lösungen geben und eine lebenswerte Zukunft, jedenfalls für die, die darin leben dürfen oder müssen.

Dieses war nach 30 Jahren und 360 Ausgaben als Chefredakteur konsequenterweise mein 360stes Editorial. Verehrte Fachleserschaft, es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, mit Ihnen zu dialogisieren. Es würde uns freuen, wenn Sie unserer „Naturheilpraxis“ die Treue halten.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/2013